Predigt Heiligabend 17.30

Jesaja 9,1-6   Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht,

und über denen, die da wohnen  im Tal der Todesschatten, scheint es hell!

Liebe Gemeinde!

Wie viele Menschen an wie vielen verschiedenen Orten auf dieser Erde mögen gemeinsam mit uns heute auf diese Bibelworte hören. Auf Grund der Zeitverschiebungen sicher nicht alle zu genau derselben Uhrzeit. Vielleicht noch nicht mal die meisten von Ihnen in einer geheizten, gemütlichen Kirche mit einem festlich geschmückten Weihnachtsbaum wie wir. Die Geschwister in Tambarare, stelle ich mir vor, im Licht der warmen Abendsonne.

Viele finden sich heute um die alten Worte der Bibel zusammen, obwohl sie wissen, dass es gefährlich ist, dass sie riskieren, verhaftet zu werden. Und wie viele treffen sich notgedrungen in privaten Räumlichkeiten, weil ihre Kirche nach einem Bombenangriff unter Trümmern begraben liegt.

Heute ist Sonntag, der Tag nach dem Schabbat, aber irgendwo wird es sicher auch jüdische Menschen geben, die aus ihrem eigenen Blickwinkel ihre Aufmerksamkeit gleichzeitig mit uns auf die Worte Jesajas richten.

Was käme alles zur Sprache, wenn wir uns in kleinen Gruppen darüber austauschen würden, was uns die Adventszeit über beschäftigt, getroffen, angetrieben hat? Sicher mehr als nur das Stöhnen darüber, wie anstrengend es trotz guter Vorsätze erneut gewesen ist.

Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht und über denen, die da wohnen im Tal der Todesschatten, scheint es hell. Kein Zweifel, hier ist von Gottes Licht die Rede. Nicht vom Licht von Scheinwerfern, nicht von dem eines Autos, nicht von dem eines Fußballstadions. Es ist auch nicht das traute, heimelige Licht der Adventskerzen. Ein großes, helles Licht.

Ein Licht, das an den ersten Schöpfungstag erinnert, als Gott sein „Es werde Licht!“ gesprochen hat. Ein Licht, das es mit der Finsternis aufnimmt, mit den verschiedensten Formen der Finsternis: mit der Gewalt in den Strukturen und Unrechtsverhältnissen, mit der körperlichen und seelischen Grausamkeit; dem Druck, neue Steigerungsraten, noch fettere Rendite zu erzielen; mit der Finsternis der verletzten, gedemütigten, vereinsamten Seelen; mit der Finsternis der Angst vor dem Sterben, mit der Finsternis der Angst voreinander, der Angst vor dem, was Dir fremd ist; der Angst, Dich schwach, verletzlich zu zeigen; der Angst, Zärtlichkeit zuzulassen. Gottes großes, helles, klares Licht, dass es bitte mit unserer Finsternis aufnehmen soll.

Du weckst lauten Jubel! Du machst groß die Freude. Vor dir wird man sich freuen, wie man sich freut in der Ernte, wie man sich freut, wenn man Beute austeilt. Entweder Gott entzündet in uns die Weihnachtsfreude oder niemand wird dazu in der Lage sein. Kein Baum und kein Kerzenschein, keine Zahl und Umfang der Geschenke kann sie uns ersetzen. Keine Enttäuschung über den ausgebliebenen Schnee kann uns die Freude rauben, die Gott in uns weckt. Die Lieder, die wir singen, sie weisen uns darauf hin. Sie erzählen von dem Grund der Freude: von dem, was Gott uns in Aussicht stellt, von dem, wofür er uns sein Wort gibt.

Friede auf Erden“, singen die Engel, „bei den Menschen, die, so unglaublich sich das auch anhört, Gott wohlgefallen, noch immer, nach allem, was wir getan; nach allem, was wir unterlassen; nach allem, was wir zu verantworten haben. Sie singen es auch für uns. Denn die Hirten sehen sich außerstande, diese Botschaft für sich zu behalten. Sie müssen allen, die sie treffen, davon weitererzählen.

Jesaja erdet für uns den hohen Lobgesang der Engel. Er erzählt in unmissverständlichen Worten, was für einen Frieden Gott im Auge hat.

Du machst groß die Freude, denn du hast ihr drückendes Joch, die Jochstange auf ihrer Schulter und den Stecken ihres Treibers zerbrochen wie am Tage Midians.

Denn jeder Stiefel, der mit Gedröhn dahergeht, und jeder Mantel, durch Blut geschleift, wird verbrannt und vom Feuer verzehrt. Es gibt so viele Arten von Unfrieden auf Erden. Es gibt auch Krieg mit Worten, die tiefe, kaum zu heilende Wunden aufreißen. Es gibt tiefen Unfrieden, der sich im Aneinandervorbeireden, im bewussten oder tragischen sich Missverstehen, in lähmendem, belastenden Schweigen zum Ausdruck kommt.

Diese Art Kriege, diese Arten von Unfrieden sind nicht automatisch zu Ende, wenn die Füße der Soldaten nicht mehr marschieren, ohne Rücksicht darauf, wen sie unter dem Abdruck ihrer Füße blutig zertreten. Sie sind nicht automatisch zu Ende, wenn keine Bomben mehr ausgeklinkt, keine Sprengstoffgürtel mehr gezündet, wenn keine Gefangenen mehr gefoltert, wenn keine Frauen mehr zur Kriegsbeute degradiert und vergewaltigt, wenn keine Schwangeren mehr aufgeschlitzt, wenn keine Davidssterne mehr verbrannt, wenn keine Forschungsgelder mehr für die Perfektionierung von Tötungsin-strumenten investiert werden. Aber dass es ein unfassbares Wunder wäre, in einer Welt zu leben, in der keine blutigen Kriege mit Waffen mehr geführt werden, wer wäre so hartgesotten, dass er nicht tief und befreit aufatmen, dass er darüber nicht laut jubeln wird?

Jesaja und seine jüdischen Zuhörer und Zuhörerinnen in Jerusalem, die haben möglicherweise an den assyrischen Herrscher Sanherib gedacht. Ein ums andere Mal hat er die Bewohner und Bewohnerinnen der Hauptstadt verhöhnt: Ihr glaubt doch wohl nicht ernsthaft, dass Euer Gott Euch vor mir retten kann. Und dann hat er wieder Erwarten plötzlich die Belagerung Jerusalems abgebrochen, ist mit seinem Heer zurück nach Assyrien gekehrt und dort bald darauf ermordet worden. Ein Schlag von Gottes Engel hat viele, viele der assyrischen Soldaten getroffen, lesen wir bei Jesaja. Ob eine plötzliche Seuche unter den Soldaten ausgebrochen ist? Es war wie am Tag, als Gideon die Midianiter besiegt hat. Gott hat Schrecken und Verwirrung über das feindliche Herr gebracht, ohne dass nur ein israelischer Soldat seinen Finger hätte krümmen müssen.

Vorbei die Angst, Sklaven und Sklavinnen der Assyer zuwerden, Zerbrochen die Jochstange. Sie wird sie nicht mehr knechten, sie wird sie nicht mehr zu irrsinnigen Tributen zwingen können.

Ein Kind ist uns geboren, ein Sohn ist uns geschenkt. Und die Herrschaft ruht auf seiner Schulter.

Ob Jesaja an unseren König Hiskia gedacht hat?“ haben sich die Menschen in Jerusalem gefragt. Hiskia hat uns daran erinnert, wer unsere Väter und Mütter aus der ägyptischen Sklaverei befreit hat. Er hat uns daran erinnert, wer uns durch die Wüste in dieses Land gebracht hat. Hiskia ist anders als so viele seiner Vorgänger. An ihm wird Gott bestimmt seine Freude haben.

Mit der Zeit hat sich Ernüchterung breit gemacht. Ja, Hiskia ist ein guter König. Aber der Friedefürst, von dem Jesaja gesprochen hat, ist er offensichtlich nicht. Schon unter Hiskias Söhnen geht die alte Leier von neuem los.

Aber die Worte Jesajas, die haben die Menschen nicht losgelassen. Sie haben sich in den Köpfen und Herzen Nester gebaut. Sie haben sich tief in die Köpfe eingebrannt. Sie haben die Herzen der Menschen nicht mehr losgelassen.

Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, über denen, die da wohnen im Tal der Todesschatten, scheint es hell. Du weckst lauten Jubel, Du machst groß die Freude, bei uns, bei allen, die sich die Hoffnung auf eine grundlegende Kehrtwendung längst abge-schminkt haben. Dafür sind wir viel zu abgeklärt, viel zu realitäts-bezogen, viel zu desillusioniert, viele zu enttäuschungsgewohnt. Welche Anzeichen einer Wendung zum Bessern sollten wir denn am Heiligabend 2017 geltend machen. Dass die Wirtschaft in unserem und in anderen europäischen Ländern weiter wächst? Keiner der Menschen, die jetzt vor Weihnachten verstärkt bei uns um eine kleine Hilfe anfragen, wird davon in irgendeiner Weise profitieren. Keines der afrikanischen Länder, in denen sich Menschen auf den verzweifelten, oft genug Tod bringenden Weg nach Europa machen, profitiert davon, dass wir wirtschaftlich wachsen. Es fördert nicht ihre Entwicklung zur Selbständigkei. Es ergibt keine win-win-Situation. Es vertieft nur die Abhängigkeiten.

Über denen, die im Tal des Todesschatten sitzen, scheint es hell. Du weckst lauten Jubel. Jeder Stiefel, der mit Gedröhn dahergeht, mit Blut besudelt, wird im Feuer verbrannt. Das ist die Stimme unseres Gottes. Das sind seine Worte, mit denen er sich unserer Versuchung, die Hoffnung preiszugeben, in den Weg stellt. Das sind seine Worte, mit denen er uns zur Hilfe eilt. In aller Anfechtung stark ist seine Hoffnung, die er in unsre Welt bringt.

Ein Kind ist uns geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ruht auf seiner Schulter. Wir Messias-Leute, wir Christen und Christinnen, wir denken bei diesen Worten an das Kind in der Futterkrippe, dass dort seinen Ort gefunden hat, wo auf den ersten Blick kein Ort für es zu sein schien, dass von den Hirten auf die Worte der Engel hin gefunden wird und bei ihnen eine so große Freude auslöst, dass sie es unmöglich für sich behalten können: unbändige Freude darüber, wie nahe Gott denen sein will, die sich abgeschrieben fühlen, die nicht viel vorzuweisen haben, außer, dass sie treu für ihre Tiere sorgen.

Wir denken an das Kind, dass nicht nur von denen besucht wird, in denen Nähe es sich begeben hat, sondern auch von den Weisen, die aus der Ferne gekommen sind, die einen so weiten Weg auf sich genommen haben, um dem Stern des neugeborenen Königs zu folgen, um ihm ihre Geschenke zu bringen, und deren Besuch der Auslöser ist, das aus diesem Neugeborenen ein Flüchtlingskind wird, weil der mächtige Herodes sich vor der Macht dieses wehrlosen Säuglings fürchtet.

Indem wir bei Jesajas Worten an das Kind in der Krippe denken, legen wir das Gewicht dieser eindrücklichen Namen, die Last der Erwartungen, die von ihnen hervorgerufen werden, auf die zarten Schultern dieses Kindes. Wir vertrauen darauf, dass es sie tragen kann, dass es nicht darunter zerbrechen wird.

Hier, in Bethlehem, ist noch nicht erschienen, was dieses Kind sein wird, aber wir vertrauen darauf, dass es diese Namen mit seinem Leben füllen wird.

Wunderrat. Welch wunderlich-wunderbaren Rat wird dieses Kind den Menschen geben: Geh hin, verkaufe alles, was du hast und gib dein Geld den Armen und Du wirst leben. Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken. Wen dürstet, der komme zu mir und trinke sich satt. Wer sein Leben verliert um meinet-willen, der wird’s gewinnen. Wer unter euch der erste sein will, der sei der Diener aller. Nicht sieben, sondern sieben-Mal siebzig-Mal, immer sollst du deinem Bruder vergeben, wenn er dich darum bittet.

Nicht Superman, nicht Superman-Woman, sondern Gott-Held ist sein Name. Kein Frauenheld, wenngleich auf seine Art sicher ein Herzensgewinnner. Keiner, dessen Stärke auf der Macht des Geldes, auf der Macht eines politischen Amtes beruht, sondern ein Held wie Hugo, Toni, Emma und Leo aus dem Club der roten Bänder, ein Held also, der um das Geheimnis der Stärke weiß, die in den Schwachen mächtig ist; der, der dieses Geheimnis der Stärke, die in den Schwachen mächtig ist, lebt, von der Krippe bis zum Tod am Kreuz und durch den Tod hindurch.

Ewig-Vater ist sein Name. Auch das gehört zum Geheimnis der Macht, die von diesem Kind ausstrahlt: Es will nichts für sich, es beansprucht nichts für sich. Es dient, es sucht nicht seine Ehre, sondern die des ewigen Vaters, der sich auf Gedeih und Verderb mit seinen Menschen verbündet hat. Daraus zieht dieses Kind seine Ehre: Gottes Reich zum Durchbruch zu verhelfen; anzusagen, wie nahe Gottes Reich ist; aus der Gewissheit der Nähe von Gottes Reich heraus zu leben, hier und jetzt damit anzufangen.

Friedefürst ist sein Name. Vielleicht sein strittigster, aber ich finde auch sein wichtigster, sein schönster Name. In seinem Namen verkünden die Engel allen Menschen Frieden.

Ich bin nicht gekommen, den Frieden zu bringen, sondern das Schwert, wird dieses Kind über sich selber sagen, weil es ein Feind allen faulen Friedens, ein Feind aller leeren Lippenbekenntnisse, allen gefühlsduseligen Harmoniegetues ist. Das Kind von Bethlehem weiß nur zu gut, dass der Frieden, den es bringt, das Risiko auf sich nimmt, anzuecken oder gar zurückgewiesen zu werden.

Es bringt nicht den Friede der immer schon Gleichgesinnten, die sich auf Anhieb sympathisch sind. Es lebt den Frieden, der darauf aus ist, auch das Herz der Feinde zu gewinnen. Es lebt den Frieden, der sich von niemandem verbieten lässt, Grenzen zu überschreiten, es lebt den Frieden, der nicht auf Angst und Einschüchterung beruht. Es lebt den Frieden, indem es sich selbst aufs Spiel setzt.

Seine Herrschaft wird ohne Ende sein, sagt Jesaja. Darüber besteht unter den Menschen dieser Welt alles andere als Konsens.

Aber das bekennen wir, die wir uns nach ihm Christen nennen. Darauf möchten wir noch viel fester vertrauen, dass er, Jesus, den Frieden bringt, dass seine Herrschaft kein Ende hat. Um uns gegenseitig in diesem Vertrauen zu stärken, um uns von Gott in diesem Vertrauen stärken zu lassen, sind wir heute in die Kirche gekommen.

Dieses Kind ist das Zeichen, dem widersprochen wird. Darauf werden wir gefasst sein, wenn wir versuchen, diesem Kind nachzufolgen, wenn wir es bitten, uns zu helfen, die Wege zu gehen, die es selber geht. Es kann uns passieren, dass wir als weltfremd, als naiv, als fromme Spinner verschrien werden.

Was soll’s. Warum sollte es uns besser ergehen als ihm. Lass Dich dadurch bloß nicht beirren. Wir glauben an den Gott, der bei uns im Wort steht, lauten Jubel zu wecken; die Freude groß zu machen, bei denen, die im Tal der Todesschatten wohnen.

Herr, lass allen, die im Finstern wohnen, dein großes, klares Licht leuchten. Lass es leuchten unter uns, an allen Enden, vertreibe du unsere Finsternis.

Amen

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