2020, 07, 26, Hebräer 13,1-3

1 Die Liebe zu den Geschwistern soll bleiben

2 Vergesst nicht die Liebe zu den Fremden,                                                                                  denn durch sie haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbegt.

Denkt an die Gefangenen als ihre Mitgefangene                                                                           und an die Misshandelten als solche, die selber einen Körper haben.

 

 

 

 

 

 

Wer ist Gott für Dich?

Was macht für Dich sein Wesen aus?

Im Vers unmittelbar vor unserem Text steht:

Unser Gott ist ein verzehrendes Feuer?

Hast Du Gott in Deinem Leben schon als ein verzehrendes Feuer erlebt?

Wenn ja, bist Du darüber erschrocken?

Oder fühlst  Du Dich auch angezogen von dem, was da in unserem Gott brennt?

Kennst Du ihn als den, der all das erschüttert und ins Wanken  bringt, was Menschen für heilig und unabänderlich erklärt haben?

Und glaubst Du das: Er bewirkt all diese Erschütterungen nur deshalb, damit Du erkennst, was allein Deinen unsicheren  Schritten Festigkeit und Halt verleiht?

Was weißt Du von der Hoffnung, die  sich nicht beirren lässt, von der Hoffnung auf  unseren Gott, die niemand von denen, die ihr folgen, zuschanden  werden lässt?

Worin hat Gott Dich dazu gebracht, Dein  Vertrauen zu riskieren, fest mit dem zu rechnen, was für Deine  Augen noch unsichtbar ist; Dein Vertrauen zu riskieren allein auf sein Wort hin, um schon hier und jetzt Nägel mit Köpfen zu machen?

Kennst  Du unseren Gott als Deinen Helfer, der Dich mitten im größten Aufruhr ruhig macht und Du Deine Angst vor anderen Menschen verlierst?

Was Sie auch tun, was Sie auch sagen, sie werden Deinen Gott nicht dazu bringen, von Deiner Seite zu weichen.

Wer ist Gott für  Dich? Welche Rolle spielt dabei für Dich das Wort Gnade? Spielt es eine Rolle?

Gott ist den anderen nicht weniger gnädig als Dir. Er ist Dir nicht  weniger gnädig als den anderen. Sind das für Dich nichts als abgegriffene Formeln, die man als Christ, als Christin halt so parat hat? Oder kannst Du etwas damit anfangen, dass Gottes Macht, mit der er Dein und mein Leben verändert, sich auf das Wort Gnade reimt?

Glaube ich Gott, dass seine Gnade die einzige Macht in meinem Leben ist, die das hinkriegt: mein Herz fest und furchtlos zu machen?

Wer ist Jesus für Dich und für mich? Sie haben ihn verachtet, verleumdet, verspottet, verschmäht, verraten haben.

Die, die das Sagen hatten, haben es nicht ausgehalten, ihn in ihrer Mitte  zu ertragen.

Er hat das alles durchlitten, was seine Freunde und seine Feinde ihm angetan haben.

Er  hat es durchlitten, weil er es wollte, aus Liebe zu uns.

Er hat die Einsamkeit und die Qualen durchlitten, das so offensichtliche Unrecht, das sie ihm angetan haben, als sie ihn an der Schädelstätte, dem Ort der Schmach, wie einen aufständischen Verbrecher hingerichtet haben, dort draußen, vor den  Toren Jerusalems, ausgegrenzt aus der  Gemeinschaft der Menschen.

Macht uns das stolz, diesem Verachteten, Verlassenen Bruder und Schwester zu sein?

Fange ich an zu zittern oder ist da auch so etwas wie Freude, wenn ich höre, dass mein Ort da ist, wo sein Ort ist, draußen vor den Toren  der Stadt, an dem Ort der Schande und Einsamkeit, die er mit uns teilt und wir  mit  ihm?

Und reichst Du uns den schweren Kelch den bittern, des Leids gefüllt bis an den höchsten  Rand, so nehmen wir ihn dankbar, ohne Zittern, aus Deiner guten und geliebten Hand.

Dietrich Bonhoeffers Sylvestergruß 1943 aus dem Nazi-Gefängnis in Tegel.

Wie stark muss Gottes Gnade in meinem Herzen  werden, dass ich mich traue, diese  Worte furchtlos mitzusingen?

Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir. Unsere Welt, unsere Städte dürfen nicht bleiben, wie sie sind. Draußen vor den Toren der Stadt, an der Seite des Verachteten, beginnt die Suche nach den Wegen, die uns Gottes kommender Stadt näherbringen. Von dreien dieser Wege redet unser Predigttext.

Bleiben soll schon jetzt und  hier die Liebe zu Deinen und meinen Geschwistern. Das ist in Gottes Sinn, das wir unsere Geschwister lieben. Darauf ruht Segen. Es fördert Gottes Reich, dass es zu uns kommt.

Alle unter uns, die keine Einzelkinder sind, werden als Erstes an ihre leiblichen Geschwister denken.

Wir denken an die Mädchen und Jungen, an die Männer und Frauen, mit denen wir aufgewachsen sind.

Wir denken an die  Erfahrungen, die wir speziell mit ihnen teilen.

Wir alle denken bei dem Wort „Geschwister“ auch an die Menschen in unserer Gemeinde hier in Vlotho, aber auch an Menschen, die weit entfernt in der Slowakei, in Tanzania und an vielen anderen Orten leben.

Auch wenn wir uns in der Gemeinde in aller Regel nicht als „Schwester“ und  „Bruder“ anreden, schon bei jeder unserer Abendmahlsfeiern bekennen wir, dass wir es sind: Geschwister, Brüder und  Schwestern.

Von Gott mit der ausdrücklichen Erlaubnis versehen, einander liebzuhaben und einander beizustehen.

Kein Vorbehalt, kein Einwand unsererseits wird Gott dazu bewegen, diese ausdrückliche Erlaubnis zurückzunehmen.

Ja, da gibt es gewichtige Unterschiede zwischen unseren leiblichen Geschwistern und den Geschwistern in unserer Gemeinde.

Aber auch Dinge, die beide miteinander verbinden.

Dort wie hier: Unsere Geschwister haben wir uns nicht selbst ausgesucht.

Unsere Eltern haben, als sie miteinander geschlafen haben, uns nicht gefragt, ob es uns Recht wäre, noch ein oder mehrere Geschwister zu bekommen.

Jesus hat uns nicht vorher gefragt, mit wem er uns da alles als neue Brüder und Schwestern zusammenbringt.

Die Liebe zu den Geschwistern soll bleiben.

Es gibt innige, herzliche Gemeinschaft zwischen Geschwistern.

Alle Herausforderungen machen sie nur stärker.

Von selbst versteht sich die Liebe zwischen Geschwistern weder in der Familie noch in der Gemeinde.

Viel Zeit miteinander verbringen, eng aufeinander hocken; planen, entscheiden müssen; glauben, die anderen zu kennen, Bescheid übereinander zu wissen; mit dem Alltagsgesicht der anderen vertraut sein, das kann  sich so und so entwickeln:

Es kann uns einander näherbringen, zusammenschweißen, uns aneinander wachsen lassen.

Und es bietet Gelegenheiten, dass Neid, Eifersucht, Streit, kleinlicher  Ärger, Gewöhnung, Resignation an Boden gewinnen.

Kaum anders als in anderen Beziehungen auch.

Gott will, dass die Liebe zwischen uns Geschwistern bleibt, dass sie standhält, nicht zerbricht, dass sie aus Krisen gestärkt hervor geht.

Ein Christ, eine Christin allein auf sich selbst gestellt, ist ein Widerspruch in sich.

Da ist vorprogrammiert, dass ihm, dass ihr die Luft ausgeht. Da ist die Hoffnung auf das, was Gott durch uns  tun will, schnell dahin.

Da werden bald vor dem Anstoß und den Anfeindungen Reißaus nehmen, die wir erwecken, wenn wir  uns zu dem verachteten Jesus bekennen.

Wir brauchen einander, wie wir Christus brauchen. Wir brauchen einander, weil Christus uns gemeinsam braucht: als ein lebendiges Zeugnis gegen die Vereinzelung, gegen das Voreinander-Weglaufen, gegen das Einander-gleichgültig sein.

Vergesst nicht die Liebe zu den Fremden, denn durch sie haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt.

Es gibt beglückende  Erfahrungen,  wenn  wir uns darauf  einlassen, uns fremden Menschen zu öffnen: mit unseren Herzen, mit unseren Gedanken, mit unserer Zeit, in unseren Gebäuden und  Wohnungen.

Davon können die meisten etwas erzählen, die schon mal einen Gast aus unserer Partnergemeinde n Rimaszombat bei sich aufgenommen oder die beschwerliche Reise in die Slowakei auf sich genommen haben,

die Kontakt mit einer der Delegationen aus Tanzania hatten, die sich um Kontakte mit geflüchteten Menschen bemüht haben: von viel Herzlichkeit, offenen Türen, Bereicherung durch neue, andere Blickwinkel;

die leibhaftige Erfahrung, dass wir als Menschen über alle selbst errichteten Grenzen hinweg zusammengehören.

Vergesst nicht die Liebe zu fremden Menschen! Von der Gefahr der Vergesslichkeit war bei der Geschwisterliebe keine Rede.

Die Liebe zu Menschen, denen wir nicht fast täglich über den Weg laufen, die wir selten oder nie von Angesicht  zu Angesicht  zu sehen bekommen, erfordert besondere Mühe und Beharrlichkeit.

Wie aufwendig ist das seit Monaten, sich durchs Fernsehen aber auch per Internet mehr als bruchstückhaft über Geschehnisse jenseits der Grenzen Deutschlands, Europas zu informieren: etwa über Menschen, die von einem afrikanischen Land in ein anderes fliehen mussten und das sind zahlenmäßig so viel mehr als die Zahl derer, die es bis zu uns nach Europa schaffen. Was geschieht eigentlich in Syrien und anderen Kriegsgebieten? Was ist mit den Hungernden?

Woher kommt die Kraft, uns damit zu beschäftigen, wenn uns die eigene Situation, die eigenen Ängste vor Ansteckung, die Sorgen um das materielle Auskommen so in Beschlag nehmen?

Auch an mir persönlich stelle ich diese Tendenzen fest. Einige Wochen lang habe ich versucht, gezielt wenigsten etwas über die  Situation in den völlig  überfüllten Flüchtlingslagern in Griechenland in Erfahrung zu bringen.

Unsere Innenministerkonferenz hat im Juni beschlossen, wenigstens mehrere hundert der besonders gefährdeten Menschen nach Deutschland zu bringen.

Ich habe mich gewundert, dass seitdem so gut wie nichts über die Umsetzung in Erfahrung zu bringen ist.

Auch ich habe mich nicht mehr bemüht nachzuhaken, habe meine Nachforschungen seit Wochen drangegeben.

Und wie viele Wochen  sind ins Land gegangen, bis ich der syrischen Familie, zu der ich seit einigen Jahren  Kontakt habe, endlich wieder einen Besuch abgestattet habe und wir uns im Frei auf  den Steinplatten vor ihrem Haus endlich über ein Wiedersehen freuen konnten?

Der Gedanken an sie war immer in meinem Hinterkopf. Aber ich habe mich von so viel Anderem in Beschlag nehmen  lassen.

Vergesst die Liebe zu den Fremden nicht! Ich glaube, darauf liegt eine besondere Verheißung.

Es gibt ja nicht nur beglückende  Erfahrungen, die wir im Kontakt mit uns von Haus aus fremden  Menschen machen.

Menschen aus anderen Ländern, zu denen wir Kontakt bekommen, das sind keineswegs durch die Bank freundlichere, fröhlichere, hilfsbereitere, herzlichere Menschen.

Und es gibt Aspekte von Fremdheit, die sich nicht im Laufe  der Zeit in Luft auflösen, sondern uns mit der Zeit vielleicht erst so richtig zu Bewusstsein kommen, wenn wir  uns etwas besser kennengelernt haben.

Sie müssen das keineswegs für  alle  Ewigkeit tun, aber können doch viel hartnäckiger sein als wir das lange gedacht  haben.

Stoßen wir in der Liebe zu uns von Haus aus fremden Menschen auf vergleichbare Schwierigkeiten wie die Liebe, mit der Gott uns, seine Menschen liebt?

Ja, wir sind seine Geschöpfe, wir sind geschaffen zu seinem Ebenbild.

Und doch gebärden wir uns ihm gegenüber  wie Fremde: zeigen ihm die kalte Schulter; unterstellen ihm, uns bevormunden zu wollen, vergessen ihn einfach oder machen uns ein Bild von ihm zurecht, wie es uns gefällt;

wollen ihm vorschreiben, wie er zu handeln, was er zu tun und zu lassen hat; und wehe, wenn er sich dagegen zur Wehr setzt.

Unser Gott liebt uns, Dich und mich.

Er vergisst uns nicht. Er lässt sind durch das, was ihn an uns befremdet, nicht  hindern, unsere Nähe zu suchen.

Er setzt weiter alles daran, uns sich ihm vertraut zu machen und sich uns vertraut zu machen.

Dass Gott uns doch mit seiner Art von Liebe ansteckt, in allem, wo wir uns gegenseitig fremd bleiben!

Denkt an die Gefangenen, so als ob ihr ihre Mitgefangenen wärt und an die Misshandelten als solche, die selbst einen Körper haben.

Es ist der Vers unseres Predigttextes, der mich am meisten berührt und beschäftigt.

Er spricht von der Erfahrung, die mir im Leben die größte Angst macht: mir vorzustellen, wie das sein muss, gefoltert, misshandelt zu werden.

Wenn ich etwas beim Filme, beim Serien ansehen kaum aushalten kann, dann sind es die Szenen, die so etwas zeigen.

Im Vergleich zu den Märtyrern und  Märtyrerinnen, die für ihren  Glauben  gestorben sind, komme  ich mir wie ein Feigling vor.

Denk an sie, erinnert Euch der Gefangenen, der Misshandelten!

Es geht bestimmt um die Menschen, die wegen ihres Glaubens oder wegen ihrer Überzeugungen gefangen  sind oder misshandelt werden.

Aber der Text enthält keinen Hinweis, dass aus anderen Gründen gefangene Menschen (also auch Mörder und Mörderinnen), aus anderen Gründen gefolterte, misshandelte Menschen  ausgeschlossen  wären.

Kann ich das überhaupt, mich in einen Menschen hineinversetzen, der im Gefängnis sitzt, so als ob ich in seiner  Nachbarzelle  untergebracht wäre, wenn ich nie selbst im Gefängnis gesessen habe?

Ja, ich bin selbst Wesen, das einen schmerzempfindlichen Körper hat.

Aber kann ich ermessen, was das bedeutet, misshandelt zu werden, wenn ich davon bisher verschont geblieben bin?

„Als“, „wie“ steht im Bibeltext.

Nein, weder Du noch ich können solches Leid in Gedanken vorwegnehmen oder uns einbilden, wir könnten erfassen wie das ist.

Mehr als versuchen, sich solchen Erfahrungen, wenigstens gedanklich ein ganz kleines bisschen anzunähern, wird uns nicht gelingen.

Und wenn wir schon nicht wissen, was wir sonst tun könnten,  dann wenigstens die Menschen, die diesen Qualen ausgesetzt sind, in unser Gebet einschließen.

Das ist nichts Übermenschliches, was Gott uns damit zumutet, nein bestimmt nicht.

Trotz meiner Ängste oder gerade wegen meiner Ängste: Ich bin froh, dass der Vers in unserem  Text drinsteht.

Unser Gott verschließt nicht die Augen vor dem, was ich mir wünsche, es würde in unserer Welt nicht existieren.

Sein  Sohn hat es draußen vor den Toren der Stadt am eigenen Leib erlitten.

Dass er das für uns getan hat, dass Gott ihn von den Toten auferweckt hat, sind Zeichen der Hoffnung, dass unsere Welt nicht bleiben darf, wie sie  ist, dass die Suche nach der zukünftigen  Stadt keine vergebliche ist.

Ich bin froh, dass Gott mich zu dem auffordert, wovor ich mich fürchte: den Gefangenen und  Misshandelten mehr Raum zu geben:

In meinen Gedanken, in meinen Gebeten, und hoffentlich in dem, was ich tue.

Gott gebietet nichts, wozu er nicht die Kraft verleiht.

Er gebietet uns das, was uns seinem Reich näher bringt.

Amen

 

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