Sie hatten aber alles gemeinsam!

14.06.2020, Apostelgeschichte 4,32-37

 

 

Bibeltext am Ende der Predigt

 

 

 

Das gibt sich, wart’s ab, wie schnell die wieder auf dem Teppich sind.

Können wir uns darauf einigen:

Wir stellen solche skeptischen Anwandlungen in uns vorerst, vielleicht für heute sogar mal ganz zurück und lassen stattdessen auf uns wirken, was hier geschrieben steht.

Das ist ja bisher nur ein Auftakt. Der Hammer, für mich jedenfalls, steht in den folgenden Sätzen:

Und nicht einer sagte von seinem Vermögen, seiner Habe, seinem Besitz, seinem Sparbuch, seinen Aktienanteilen, seinem Notebook, seinem Auto, seiner geräumigen Wohnung, seinen gesammelten CD’s und seiner Büchersammlung, dass es sein eigen sei, sondern es war ihnen alles gemeinsam.

Nicht von schönen Worten ist hier die Rede, jedenfalls nicht von solchen, die sich selbst genug sind. Nichts, was man im Überschwang halt so sagt, wenn man sich in einer Gemeinschaft richtig wohl fühlt.

Es sind Worte, die in konkreten Taten Wirklichkeit werden.

Es war niemand unter ihnen, der Mangel hatte. Niemand unter ihnen, dem die Wohnung gekündigt wurde, weil er die Miete nicht mehr zahlen konnte, nach dem er seinen Arbeitsplatz verloren hatte, weil er nach seiner Krankheit den Belastungen nicht mehr gewachsen war.

Niemand mehr, der sich zwischen Berufsarbeit und Kindererziehung und Pflege des kranken Elternteils zerreiben musste, so dass er gegen die Depressionen nicht mehr ankam.

Niemand mehr, der beim Pastor um ein bisschen Unterstützung betteln muss, um bis zur Auszahlung des nächsten Kindergeldes etwas zu haben, von dem sie in der Familie einkaufen können.

Keiner unter ihnen, der einen Mangel hatte, weil diejenigen, die Land, ein Grundstück, ein Haus besaßen, es verkauften und das Geld, das sie dafür bekamen, brachten und es den Aposteln vor die Füße legten, so dass die es auszahlen konnten, je nachdem wie einer, wie eine es nötig hatte,

weil es Leute gab, die das nötig hatten, um leben zu können,

um Kleidung für ihre Kinder kaufen zu können,

um es sich leisten zu können, das Konzert der Lieblingsband zu besuchen,

die Freunde zum Essen einzuladen

oder einen Film im Kino anzusehen.

Es ist das zweite Mal, dass in der Apostelgeschichte von diesem „Alles gehört allen und auch mir“ erzählt wird.

Das erste Mal lesen wir gleich im Anschluss an die Ausgießung des Heiligen Geistes am Pfingstfest darüber.

Die Wahrheit steht auf der übereinstimmenden Aussage von mindestens zwei Zeugen.

Das ist eine Grundregel biblischer Rechtsprechung.

Davon gehe ich aus, dass sie auch hier gilt.

Wir können auf die über 2000-jährige Kirchengeschichte zurückblicken und die Frage stellen, was denn von diesen ersten christlichen Anfängen übrig geblieben ist.

Wann gab es denn zwischendurch mal Momente, in denen noch mal etwas davon aufgeblitzt ist?

Wir können und müssen darüber sprechen und uns die Frage gefallen lassen:

Warum hat die Kirche im Laufe ihrer Geschichte in einem solchen Ausmaß die Besitzenden und Herrschenden geschützt und warum hat sie selber so viele Besitztümer aufgehäuft und gehortet.

Wir kommen nicht drumherum, uns selbst die Frage zu stellen: Gibt es in unserem Zusammenleben als Gemeinde, als Kirche, als Gesellschaft wenigstens Momente, die an die Wohltat dieses biblischen „Und keiner von ihnen hatte einen Mangel, weil sie alles gemeinsam hatten“ erinnert.

Es wäre naheliegend, wenn wir zu dem Schluss kämen „Das ist aber eine ziemlich uneingelöste Wahrheit.“ Das lässt sich schwer bestreiten.

Genauso wenig, denke ich, lässt es sich bestreiten, dass wir es mit dem „sie aber hatten alles gemeinsam“ mit biblischer Wahrheit zu tun haben,

mit dem, was Gott will, mit dem, was ihm entspricht,

mit dem, was er für uns will,

was er für all seine Menschen will.

Und deshalb bin ich davon überzeugt:

Es ist kein Zufall, es ist im Gegenteil unabdingbar, dass mitten in unserem Abschnitt über das Miteinander-Teilen der Satz steht:

Und mit großer Kraft gaben die Apostel Zeugnis von der Auferstehung Jesu.

Große Gnade aber war auf ihnen allen.

Geht das anders, als dass wir das in beide Richtungen lesen?

Wo keiner sagt, dass sein Besitz ihm gehört, weil er allen gemeinsam gehört und niemand Mangel leidet, da gewinnt das Zeugnis der Auferstehung Jesu an Kraft, da blitzt auf, dass Paulus die Wahrheit sagt, wenn er schreibt:

Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur, das Alte ist vergangen, siehe: Neues ist geworden.

Und das Gleiche in die andere Richtung:

Wo Menschen nicht sich selbst zum Thema, zum Mittelpunkt machen, sondern in aller Freimut von dem reden, was Gott an Jesus Christus getan hat,

wo Menschen bezeugen, was die Macht des Auferstandenen heute unter uns tut,

da bekommen Menschen den Mut, sich zusammen zu tun und zusammen zu leben,

da verlieren sie die Angst, loszulassen.

Da sehen sie das, was ihnen gehört, nicht mehr als exklusiven Privatbesitz an.

Da verlieren sie die Lust daran, ihn für sich zu behalten und ihn den anderen vorzuenthalten.

Wo Menschen Gottes Auferstehungsmacht trauen, da verlieren sie die Lust zu behaupten:

das habe ich mir aber verdient, das habe ich mir alles selbst erarbeitet, das verdanke ich meinem Geschick, meiner Wendigkeit.

Da entdecken sie Gottes Gnade als den Segen, der ihr Leben reich macht.

Unser Gott hat sein Wesen offengelegt.

Unser Gott will sein Eigenstes, das, was ihm das Liebste ist, nicht für sich selbst.

Er ist bereit, es drängt ihn dazu, sein Eigenstes, sein Liebstes mit uns zu teilen:

Gott liebt seine Welt so sehr, dass er seinen Sohn hergibt, auf dass alle, die ihr Vertrauen auf ihn setzen, nicht verloren, nicht in die Irre gehen,

sondern ewiges Leben haben,

Leben in der Nähe des gütigen, gerechten Vaters,

Leben mit denen, die zu ihm gehören,

die das von Herzen gerne wollen:

ihm zuzugehören.

Wir haben bereits in der Lesung von dem Erlassjahr gehört, von dem 50. Jahr: Das ist Gottes Rechtsschutz für für alle, die in Schuldabhängigkeit geraten sind, dass sie wieder in ihre alten Rechte treten und aus ihrer ökonomischen Zwangslage freikommen.

Seitdem der Vater seinen eingeborenen, geliebten Sohn dem Tod entrissen hat, gibt es endgültig keine Rechtfertigung mehr, dass die Dinge und Verhältnisse zwischen uns so bleiben müssen, wie sie sind,

und wenn es noch so sehr danach aussieht, als ob sie uns in Fleisch und Blut übergegangen sind.

Keiner, keine mehr, die Mangel leiden müssen, weil allen alles gemeinsam gehört:

Kein Land mehr auf dieser Erde, das an einer selbständigen Entwicklung gehindert wird, weil ausländische Firmen im Bunde mit der eigenen korrupten Regierung den gesellschaftlichen Reichtum abschöpfen, der sich mit den vorhandenen Rohstoffen erzielen ließe.

Keine Kinder in einem asiatischen Land, die gezwungen sind, zu einem Hungerlohn unter gesundheitsschädigenden Bedingungen zu arbeiten, damit wir zu einem Spottpreis unsere T-Shirts kaufen können, weil endlich allen alles gemeinsam gehört.

Endlich keine Geflüchteten und Hartz IV Empfänger mehr, die gegeneinander ausgespielt werden können, um alles beim Alten zu lassen,

weil allen alles gemeinsam gehört.

Da haben die ersten Christen und Christinnen im Traum nicht dran gedacht, dass ihr Tun, zu dem Gott sie befreit, uns heute, über 2000 Jahre später, auf solche Gedanken bringen könnte.

Da haben sie im Traum nicht dran gedacht, dass ihre Taten uns Mut machen, den schreienden Mangel von Menschen nicht als natur-, geschweige denn als gottgegeben hinzunehmen.

Sie machen uns wach. Sie machen uns wachsam.

Sie halten uns davon ab, uns in irgendwelche Träumereien zu flüchten.

Sie stellen uns vor unseren Gott, der kein Schicksalsgott ist, sondern der auf unsere verantwortlichen Taten wartet und auf sie gespannt ist.

Die ersten Christen und Christinnen in Jerusalem machen uns Mut, Jesu Worten zu trauen, der uns sagt:

Ihr könnt nicht gleichzeitig dem lebendigen Gott und dem Mammon, dem Geldgott dienen.

Wer an den Gott glaubt, der Jesus von den Toten auferweckt hat, der misstraut der vielbeschworenen Logik der Sachzwänge.

Der lässt sich nicht einschüchtern, wenn es etwas komplizierter wird, wenn wir uns durch Widersprüche und Spagatübungen hindurcharbeiten müssen.

Ein Diakonieladen ersetzt denen, die dort einkaufen, nicht eine gesicherte Existenzgrundlage. Aber solange die nicht gesellschaftlich für alle durchgesetzt ist, macht es Sinn, sich dafür zu engagieren, dass ein Diakonieladen funktioniert. Für wie viele Menschen, erst Recht in Ländern wie der USA, in der es keine Abfederung durch Kurzarbeit gibt, sind solche Einrichtungen in den letzten Wochen und Monaten ein Segen gewesen.

Ein gesichertes Grundeinkommen für alle, löst nicht die Probleme stumpfsinniger, die Menschen in ihren Fähigkeiten entwürdigenden Arbeits- und Produktionsverhältnissen.

Es beseitigt nicht den Pflegenotstand, das Problem der großen Klassen an den Schulen, die Kommerzialisierung der Krankenhäuser.

Aber es wäre ein kleiner Fortschritt gegenüber dem Ist-Zustand, es würde Menschen vom Zwang befreien, in ihrer Not betteln zu müssen.

Und allein dafür lohnt es sich, zu kämpfen.

Wir Christen und Christinnen bleiben auch jetzt, in Zeiten, in denen wir wegen der Ansteckungsgefahr darauf verzichten, die, die gemeinsam von einem Brot essen, die aus einem Kelch trinken.

Wir bleiben auch jetzt die, die gemeinsam den einen barmherzigen, gnädigen, gerechten Herrn haben, der seine Menschen alle gemeinsam reich macht, aber niemals die einen auf Kosten der anderen.

Amen

Bibeltext zum 14.06.2020, Apostelgeschichte 4,32-37

32 Die Menge der Gläubigen aber war ein Herz und eine Seele;

      auch nicht einer sagte von seinen Gütern, dass sie sein wären,

      sondern es war ihnen alles gemeinsam.

33 Und mit großer Kraft bezeugten die Apostel die Auferstehung des Herrn Jesus,

     und große Gnade war bei ihnen allen.

34 Es war auch keiner unter ihnen, der Mangel hatte;

    denn wer von ihnen Äcker oder Häuser besaß,

    verkaufte sie und brachte das Geld für das Verkaufte

35 und legte es den Aposteln zu Füßen; und man gab einem jeden, was er nötig hatte.

36 Josef aber, der von den Aposteln Barnabas genannt wurde – das heißt übersetzt:

     Sohn des Trostes –, ein Levit, aus Zypern gebürtig,

37 der hatte einen Acker und verkaufte ihn und brachte das Geld

    und legte es den Aposteln zu Füßen.

 

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