Predigt Heiligabend, 24.12.2019, 17.30 Uhr, Hesekiel 37,24-28

Liebe Gemeinde!

Herzlich willkommen noch einmal Ihnen und Euch allen! Herzlich eingeladen sind wir jetzt, uns gemeinsam in die Worte der Heiligen Schrift zu vertiefen, die wir gerade gehört haben. Wir sind eingeladen, in Ihnen nach der frohen Weihnachtsbotschaft zu suchen, die Gott für uns bereit hält. Gott hat versprochen, dass wir nicht vergeblich suchen werden.

Gott hat diese Worte einem Menschen anvertraut, seinem Propheten Hesekiel. Er hat ihn beauftragt, sie den Menschen seines jüdischen Volkes auszurichten, die in Babylon in der Gefangeschaft leben. Trösten, aufrichten soll Hesekiel die Frauen, Männer und Kinder dort im Exil. Sie sollen wissen, dass der Gott Jakobs noch immer ihr Gott ist. Er hat sie nicht abgeschrieben. Niemals wird er das tun. Ach, dass seine Menschen doch ihn nicht abschreiben mögen.

Heute richtet der Gott Jakobs, Rachels und Leas diesselben alten Worte an uns. Gott will, dass wir spüren, dass wir mitgemeint, dass wiri an dieser Geschichte mitbeteiligt sind. Keine Beobachter aus sicherer Distanz, sondern innerlich mitbeteiligte Menschen. In Gottes Geschichte mit seinem jüdischen Volk kündigt sich Gottes Geschichte mit allen seinen Menschen an. Gott traut s einen Worten die Macht zu, genau das bei uns zu bewirken.

Lasst uns fest mit dem rechnen, worum ich vorhin gebetet habe: Gott weiß, mit was für Menschen er es bei uns zu tun hat, weiß noch viel genauer als wir, wie unterschiedlich wir sind. Unterschiedlich nicht nur an Jahren, nicht nur an Einkommen, sondern unterschiedlich auch in dem, worüber wir fröhlich sind, in dem, was wir für unser Glück halten, unterschiedlich in dem, wovor wir uns fürchten, was uns wütend macht.

Vielleicht, dass Gott darin so etwas wie einen kleinsten gemeinsamen Nenner zwischen uns entdeckt, dass wir uns alle nach Frieden sehnen, nach Frieden auf unserer Erde, nach Frieden zwischen den Völkern, den Staaten in West und Ost, in Nord und Süd, nach Frieden anstelle des endlosen, gnadenloses Kampfes um Absatzmärkte; nach einem Ende des Mordens, der Bombenteppische, der Folterungen und der Vergewaltigungen; nach Frieden zwischen unseren Gemeinden, nach Frieden zwischen den Menschen in unserer Stadt, nach Frieden zwischen den Generationen, zwischen Eltern und Kindern, in den Familien, zwischen den Liebenden.

Auch wenn wir über die Wege, die zum Frieden führen könnten, so oft ratlos und uneinig sind.

Lasst uns fest damit rechnen: Gott traut sich das zu, er trägt Sorge dafür, uns, so unterschiedlich wir sind, trotzdem gemeinsam anzusprechen, so dass er unser Herz, unseren Verstand, unsere Gefühle erreicht, so dass er uns näher zu ihm, unserem Gott, bringt, und näher zueinander.

Und mein Knecht David wird König über sie sein, für sie alle wird ein Hirte sein. Ob Gott es zur Zeit Hesekiels leichter gefallen ist, wenigstens die Menschen seines jüdischen Volkes alle unter einen Hut zu bekommen? Ein großer Teil der Bevölkerung Judas, deren Hauptstadt Jerusalem in Trümmern liegt, nach Babylon verschleppt. Nicht von ungefähr sind sie dort, sondern weil sie die die Armen und Schwachen, die Witwen, die Waisen und die fremden Gäste im Land, die sie hätten schützen sollen, ausgesaugt und ausgebeutet haben. Das Reich von König David schon bald nach seinem Tod in ein Süd- und ein Nordreich zerfallen. Mal gibt es Zweckbündnisse zwischen den beiden Teilen. Aber es wurde auch schon Krieg gegeneinander geführt.

Macht es Sinn, das mit einem Nord- und einem Südkorea, einem Nord- und einem Südsudan, einem in eine DDR und eine BRD gespaltenes Deutschland zu vergleichen? Hinken diese Vergleiche allzusehr? Fest steht jedenfalls, dass Gott über unsere bestehenden Trennungen, auch über die politischen, weit hinaussieht: Ein Hirte wird für sie alle da sein, für die in Nord-, und für die in Südisrael, für die, die in Babylon in Gefangenschaft leben und für die, die im zerstörten Jerusalem einen kümmerlichen Neuanfang versuchen.

Ihnen allen gilt Gottes Versprechen: Ihr werdet wieder im Land Eurer Väter leben. Mit Euch schließe ich einen Bund , der Bestand haben wird. Mit Euch, die am Boden liegen; mit Euch, an deren Händen das Blut der Menschen klebt, die ihr unterdrückt habt; mit Euch, die zweifeln und sich fragen, ob ich weiterhin ihr Gott sein will, mit Euch schließe ich einen Bund, mit Euch, mit Euren Kindern und Kindeskindern. Mein Bund mit Euch wird auf immer Bestand haben. Mein Knecht David wird auf immer für Euch Fürst sein. Ich will Euer Gott und Ihr werdet mein Volk sein.

Wie lange ist der Thron von König David schon verwaist, als der Zimmermann Josef aus Nazareth sich mit seiner schwangeren Verlobten Maria auf den Weg nach Bethlehem macht? Nein, weder Josefs Vater, weder sein Opa noch Uropa und sein Uropa auch nicht sind Herrscher in Israel gewesen. Aber das wissen unsere Kinder, die beim Krippenspiel mitmachen, warum Josef mit Maria und dem Kind bei der Volkszählung von Kaiser Augustus nach Bethlehem müssen: weil Josephs Familie aus Bethlehem kommt, weil Bethlehem Davids Stadt ist, die Stadt, in der er geboren ist, die Stadt, aus der seine Familie stammt.

Das erste, was wir im Neuen Testament über den erfahren, dessen Geburt wir heute feiern: der Messias, der Christus ist ein Sohn Davids. Das Kind von Bethlehem gehört hinein in die Geschichte der Hoffnungen der Menschen seines jüdischen Volkes. Ja, es gab und es gibt in Israel Menschen, die sind müde darüber geworden sind, darauf zu warten, dass Gott sein Versprechen wahr macht. Sie leben in großer Versuchung, die Hoffnung dran zu geben, jemals in Frieden mit ihren Nachbarn zu leben.

Wie weit sind wir davon entfernt, wie nah sind wir manchmal daran, der Versuchung nachzugeben und das Hoffen dran zu geben, dass Frieden wirklich wird: in der Welt, zwischen den Staaten, in unserer Stadt, mit unseren Feinden, in unseren Familien, mit denen, die wir lieben?

Und wenn wir alle in die Versuchung geraten oder ihr sogar erliegen, die Hoffnung dranzugeben, dass Gott seine Versprechen wahr macht, unser Gott vergisst nicht, was er versprochen hat.

Gott ist treu. Davon erzählt die Weihnachtsgeschichte. Und, Gott sei Dank, immer wieder findet er Menschen, bei denen es ihm gelingt, sie anzustecken.

Was war der alte Priester Zacharias skeptisch, als er hört dass jetzt endlich der Wunsch von Elisabeth und ihm in Erfüllung gehen und sie ein Kind bekommen sollen: Als dann Johannes geboren ist und er endlich wieder sprechen kann, wie platzt es da aus ihm heraus: Gott hat besucht sein Volk, nein, er hat uns nicht vergessen.

Wie glücklich ist Maria, dass Gott sie, die arme Braut eines Zimmermanns auserwählt hat, um Gottes Kind zur Welt zu bringen: Er nimmt sich seines Kinds Israel an, er erbarmt sich seiner, wie er zu unseren Vätern geredet hat, zu Abraham und seinem Samen.

Seinen Engel hat Gott angesteckt: Siehe, ich verkündige Euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird, denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Messias, der Herr in der Stadt Davids.

Wir selber haben es eben gesungen: Es ist ein Ros entsprungen aus einer Wurzel zart, davon die Alten sungen, von Jesse kam die Art. Von Jesse, also von Isai, vom Vater Davids. Dieses Röslein aus dem Stamm David vertreibt mit seinem hellen Schein die Finsternis.

Tochter Zion, freue dich, jauchze laut, Jerusalem, haben wir den Bewohnern und Bewohnerinnen Jerusalems zugesungen.

Und an das Kind von Bethlehem gewandt: Hosianna, Davids Sohn, sei gegrüßet, König mild.

Wie klingen die Worte dieses Liedes, wenn, falls es heute am Heiligen Abend in den kleinen christlichen Gemeinden in Jerusalem, auf der Westbank, im Gazastreifen gesungen wird. Wie klingt es in den Ohrern der arabischen, der muslimischen Nachbarn? Werden sie sich dran stoßen oder könnte das Kind auf dem Davidsthron Ihnen ein Anstoß sein, dass ihre Angst, von der jüdischen Mehrheit dominiert zu werden, weniger, dass ihr Hass auf sie geringer w ird?

Wie werden diese Worte in den Ohren der jüdischen Bewohner und Bewohnerinnen von Jerusalem klingen? Werden sie sich darüber freuden können? Kann das neugeborene Kind, vor dem der König Herodes sich so gefürchtet hat, ihnen zu einem Pfand werden, dass Gott zu seinen Versprechen steht, dass er sein Volk nicht vergessen hat?

Was verbindet für uns den Hirtenjungen David, der den Riesen Goliath mit einer Steinschleuder besiegt, der mit seiner Harfenmusik die Eifersuchtsanfälle von König Saul besänftigt hat, der auf der Flucht vor König Saul als ein plündernder Freischärler gelebt hat, der seinen Hauptmann Uria hat ermorden lassen, um dessen Frau Bathseba heiraten zu können, der die Worte von „Der Herr ist mein Hirte“ gedichtet haben soll, der Jerusalem zur Hauptstadt gemacht und Israels berühmtester König gewesen ist, mit dem Kind, das in der Krippe liegt, von dem wir Christen und Christinnen glauben, das es Gottes Kind ist, dass auf dem verwaisten Thron von König David Platz genommen hat?

Dieses Kind trägt keine Königskrone, es wohnt nicht in einem Palast, es liegt nicht nur als Neugeborenes in einer Futterkrippe, es wird auch als Erwachsener morgens keinen Schimmer haben, wo es abends sein müdes Haupt hin betten wird. Es hat nie nach weltlicher Macht gestrebt, es hat sich allen Versuchen der Menschen, aus ihm eine Art König zu machen, entzogen. Und doch wird Pilatus über seinem Kreuz eine dreisprachige Tafel mit der Aufschrift Jesus von Nazareth, König der Juden, anbringen.

Eine Macht geht von diesem Kind aus, die schon die Menschen empfinden, die es in der Krippe liegen sehen, freiwillig und gerne beugen sie vor ihm die Knie. Da gebraucht jemand seine Macht nicht, um andere zu unterdrücken, zu demütigen und klein zu halten, sondern um andere stark und erwachsener zu machen. Wenn er Menschen aufruft, Unrecht zu lassen, das Richten zu stoppen, anderen die Schuld zu erlassen, barmherzig zu handeln, zu vergeben, um Vergebung zu bitten, dann verlässt er sich allein auf die Macht seiner Worte. Wenn Jesus Menschen heilt, an ihrer Seele, von ihren Krankheiten, dann macht er von der Vollmacht Gebrauch, die sein Vater ihm gegeben hat. Jesus sucht keine Macht für sich, er sucht alle Macht für den, der ihn gesandt hat.

Das einzige Blut, dass dieser König vergießt, der keine weltliche Macht beansprucht, ist sein eigenes. Dieser König hat die Macht, seine Feinde zu lieben. Dieser König hat Macht, weil er seine Feinde liebt

Er hat die Macht, die zu lieben, die ihn im Stich lassen, die nicht mal eine Stunde mit ihm wachen können. Er hat Macht, weil er die liebt, die sich enttäuscht von ihm abwenden, weil er das Verlorene sucht. Jesus, der Zimmermannssohn aus Nazreth, hat nie die Schafe seines Vaters gehütet und mit dem Stock gegen Löwen verteidigt.

Die Psalmen sind Jesu Gebetsbuch und so wird er sicher auch mit Davids Worten gebetet haben: Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.

Über sich selbst hat er gesagt: Ich bin der gute Hirte. Der gute Hirte lässt sein Leben für die Schafe. Und: Meine Schafe hören meine Stimme und sie folgen mir. Das Kind von Bethlehem ist der gute Hirte, der die Schafe des Vaters im Himmel recht weidet, der das Schwache stärkt, und das Verwundete verbindet.

An Weihnachten erfahren es die Hirten von Bethehem als Erste: dass sie selber einen guten Hirten haben, einen, der für sie sorgt, einen, der sie liebt, einen, der sie nicht vergisst.

An Weihnachten hören wir, dass wir selber diesen guten Hirten haben, der für uns sorgt, der uns liebt, der uns nicht verlässt. Einen, der so anders herrscht als die Herrscher dieser Welt. Und der von Gott gesandt ist, um es gerade so mit den Mächtigen dieser Welt aufzunehmen, der den König Herodes in seinem Palast in Jerusalem zu Recht in Angst und Schrecken versetzt.

Einer, der es mit unserem Zank und Streit, mit unserer Rechthaberei aufnimmt und ihnen den Kampf ansagt, indem er ungefragt in unserer Mitte da ist und sich den Raum sucht, den wir ihm in unsren Herbergen nicht einräumen wollten.

Ein Hirte für sie alle: für die Hirten seines jüdischen Volkes zuerst, für Maria zuerst und für Josef, für Zacharias und Elisabeth, für Simeon und Hanna, für die Fischer vom See Genezareth, für die Blinden und Aussätzigen, die Huren und Kleinkriminellen, für die, die ihn missverstehen, für die, die ihm nach dem Leben trachten.

Ein Hirte für die modernen König Herodesse und Pontius Pilatusse in aller Welt, für die Geschäftemacher, für die Selbstgerechten, für die Herzensverhärteten in aller Welt, für Dich und für mich, für uns gemeinsam. Denn dieser Hirte ist gesandt, dass Menschen nicht mehr ihren, sondern Gottes Willen tun. Auch jetzt in diesen Weihnachtstagen, auch heut an Heiligabend, auch unter Eurem Weihnachstbaum. Seid gefasst darauf. Darauf freut Euch! Amen

Dieser Beitrag wurde unter Predigten veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.