Predigt vom 24.11.2013 Ewigkeitssonntag

Mk 13,31-37

Liebe Angehörige der Menschen, die in diesem Jahr aus unserer Gemeinde verstorben sind, liebe Gemeinde!

Am letzten Sonntag unseres Kirchenjahres möchten wir innehalten und uns an die Menschen erinnern, die in diesem Jahr in unserer Mitte verstorben sind .Sie als Angehörige wissen genau, was Ihnen an diesen Menschen fehlt. Aber auch wir als Gemeinde wollen das nicht verdrängen, sondern uns darüber klar werden, was wir an ihrer Gegenwart verloren haben. Wir suchen nach Gottes Zuspruch, wir hoffen, dass er tröstet, dass er Kraft gibt, die Menschen, die wir verloren haben, auch loszulassen, sie seine Händen zu überlassen.

Und lassen Sie es uns wenigstens gemeinsam versuchen, Gott nach der Zukunft zu fragen, die er in Aussicht gestellt hat: nach seiner Zukunft für unsere Welt, nach seiner Zukunft für die Menschen, die gestorben sind und die wir liebhaben, nach seiner Zukunft für uns selbst, danach, wie wir vor ihm weiter leben sollen.

Wir versuchen heute morgen, auf Worte Jesu zu

hören. Es sind Worte des einzigen, der nach dem Zeugnis der Apostel bisher von den Toten auferstanden ist. Es sind Worte dessen, von dem wir Sonntag für Sonntag bekennen, dass er zur Rechten Gottes sitzt und uns vertritt.

Himmel und Erde werden vergehen, sagt Jesus, aber meine Worte werden nicht vergehen.

Dass die Menschen, die wir liebhaben, vergängliche, sterbliche Wesen sind, und wir selbst genauso, diese schmerzliche Erfahrung machen wir alle, auch diejenigen unter uns, die in diesem Jahr niemanden aus dem engeren Familien- und Freundeskreis verloren haben. Wir spüren es am Älterwerden unseres Körpers, unseres Geistes. Wir spüren es am Tod von anderen Menschen, der uns nahe geht, oft genug auch dann, wenn wir diese Menschen persönlich gar nicht gekannt haben, wenn sie uns „nur“ aus dem Fernsehen vertraut waren, weil wir ihre Arbeit geschätzt, weil wir ihre Musik oder ihre Familie geliebt haben, weil uns das, was sie erleiden mussten, mitgenommen hat, obwohl wir nie ihre Namen erfahren werden.

Aber dass auch der Himmel, den wir Tag für Tag vor Augen haben, und die Erde, auf der wir uns bewegen, die uns trägt, vergänglich sein sollen? Ja, dass die Sonne, ohne die kein Leben auf der Erde möglich ist, in ich weiß nicht wie viel Millionen von Jahren verglüht sein soll, wir wissen, dass Naturwissenschaftlicher das ausgerechnet haben. Wir wissen auch, dass die Sprengkraft der bisher produzierten Atombomben so gewaltig ist, dass sie zigfach alles Leben auf der Erde vernichten könnte. Und trotzdem, wenn es irgendetwas gibt, was uns sicher erscheint, und uns wie ewig vorkommt, dann die Tatsache, dass unsere Erde weiterbesteht.

Jesus kann nicht umhin, als uns in diesem Unkt nüchtern und klar zu widersprechen und festzuhalten: Himmel und Erde werden vergehen. Aber er sagt es nicht, um uns in Angst und Panik zu versetzen, sondern um dagegen zu halten: Auch wenn das passiert, auch wenn Himmel und Erde einmal vergehen werde, auch wenn ins Wanken gerät, was Euch als das aller vertrauteste und aller zuverlässigste erscheint:fürchtet Euch nicht, meine Worte werden nicht vergehen. Auf das, was ich Euch sage, auf das, was ich Euch versprochen habe, könnt Ihr Euch verlassen. Ich halte Wort.

Gibt es ein oder mehrere Worte Jesu, die Dir vertraut sind, die Du im Ohr hast, die Du auswendig kennst, Worte die Dich schon einen langen Zeitraum begleiten, Worte, die schon an ganz unterschiedlichen Orten und Zeiten zu Dir gesprochen haben? Worte, die Dich irgendwann einmal getroffen und seitdem nicht wieder losgelassen haben: Worte die Dich in großer Aufregung ganz ruhig gemacht haben?

Worte, die Dich ganz im Gegenteil aufgerüttelt und wach gemacht haben, die Dich angespornt haben, Dinge zu tun, zu denen Du von selbst aus nie bereit gewesen wärst: einen bestimmten Menschen um Entschuldigung zu bitten, einem bestimmten Menschen zu verzeihen, auf Menschen zuzugehen, die Dir vorher ganz fremd waren, Dich mit anderen zusammen zu schließen und mit Ihnen gemeinsame Sache zu machen.

Worte, die Dich fröhlich gemacht haben,, obwohl Du geglaubt hast, nie wieder lachen zu können? Worte die Dir eine Geduld geschenkt haben, die Du früher nie an Dir erlebt hast, in Situationen, in denen Du sonst regelmäßig aus der Haut gefahren bist? Worte, die Dich in Frage gestellt und aufgerüttelt haben, die Dich dazu gebracht haben, Fragen an Dich ran zu lassen, die Du ohen Jesu Worte immer weit von Dir gewiesen, die Du ohne ihn als reine Zumutung empfunden hättest?

Worte, die Dich dazu gebracht haben, anderen Menschen zuzuhören, anstatt Dir weiter über sie den Mund zu zerreißen? Worte, die dir neue Hoffnung gegeben haben, ohne die Du schon längst die Flinte ins Korn geworfen hättest?

Oder macht Dich diese lange Aufzählung verlegen? Fühlst Du Dich genötigt, mit den Schultern zu zucken? Sagst Du: Klar, Jesus ist wichtig, er ist bestimmt auch für mich wichtig, aber ich könnte jetzt beim besten Willen kein bestimmtes Worte Jesu nennen, das mir automatisch in den Sinn kommt. Er ist zu Tod am Kreuz verurteilt worden, obwohl er unschuldig war. Er hat sich nicht gewehrt, obwohl er sich leicht hätte in Sicherheit bringen können. Er ist von seinen besten Freunden im Stich gelassen worden. Er ist zu Menschen gegangen, mit denen sonst keiner etwas zu tun habe wollte, hieß nicht einer von ihnen Zachäus.

Und halt, jetzt fällt mir glaube ich doch eines seiner Worte ein. Hat er nicht am Kreuz gebetet: Vater vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun? Und hat er nicht irgendwann gesagt: Siehe, ich bin bei Euch alle Tage bis an der Welt Ende?

Hättest Du Lust, hätten Sie Lust herauszufinden, was an dieser unglaublichen Behauptung dran ist: Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen? Hätten sie Lust, auszuprobieren, was dran ist an Jesu Worten, ob sie tatsächlich die Macht haben, sie in Ihrer Trauer zu erreichen und vielleicht sogar etwas in Ihnen zu verwandeln, neu zu machen?

Sollen wir es gleich sofort gemeinsam mit den anderen Worten Jesu versuchen, die auch direkt in unserem Text stehen. Wie ein roter Faden zieht sich Jesu Aufforderung durch die übrigen Verse unseres Prredigttextes: Wacht! Seht zu, dass der Menschensohn, wenn er in seiner Herrlichkeit kommt, Euch nicht schlafend antrifft. Weder die Engel im Himmel noch der Sohn wissen, wann das sein wird. Niemand kennt diesen Tag, nur der Vater. Wacht, denn ihr wisst nicht, wann die günstige Gelegenheit sein wird.

Seit fast zweitausend Jahren warten Menschen auf diesen Tag, gibt es Menschen, die diese Tag herbeisehnen, die darauf, dass Gottes Reich in Herrlichkeit und nicht mehr nur im Verborgenen, fast Unscheinbaren Wurzeln unter uns schlägt. Und seit genauso langer Zeit ist es passiert, dass Menschen, diesen Tag, dieses Ziel aus den Augen verloren und sich eingerichtet haben.

Ein Wunder ist das nicht. Denn wenn für Gott 1000 Jahren wie der Tag sind, der gestern vergangen ist, für uns Menschen ist das eine unglaublich lange Zeit, die wir unmöglich überbrücken können, weil sie so weit über die Spanne unseres eigenen Lebens hinausgeht. Und doch wünscht sich Jesus das für uns, dass es uns gelingen möge, wach zu sein, den klaren Blick zu behalten, oder zuallererst endlich einen klaren Blick dafür zu bekommen, dass wir nicht einer selbstgemachten Katastrophe entgegen schlittern, sondern dass wir an jedem Tag, an dem wir die Augen auftun, wir einen Tag näher an Gottes kommenden Tag herangekommen sind.

Wie geht uns das mit dem Wach sein, mit dem Wach sein sollen, mit dem Hinsehen, dem Anteilnehmen, dem Achten auf die günstigen Gelegenheiten, die Gott uns schenkt? Euch Jüngeren fällt das noch grundsätzlich leichter, aber ich glaube, wir kennen das alle, wir haben das zumindest alle schon erlebt: Stunden und Tage, in denen wir gerne wach sind, Stunden und Tage, in denen wir voller Tatendrang stecken, in denen es uns leicht fällt zu fragen: Herr, was möchtest Du denn, das wir tun sollen.

Ich kenne genug Tage, an denen es mir schwer fällt, die Augen offen zu halten und gegen den Schlaf anzukämpfen, weil ich zu wenig davon bekommen haben, weil da zu viel der Dinge waren, die getan werden mussten. Ich kann da bestimmt nicht der einzige, ich bin mir sicher, dass es vielen unter uns so geht.

Und ich vermute, dass es unter Ihnen und Euch auch Menschen gibt, die an vielen Tagen darunter leiden, dass sie den Schlaf suchen und ihn nicht finden können, weil ihnen bestimmte Dinge immer wieder durch den Kopf gehen: Sorgen um das Auskommen, um ihre Gesundheit, die Situation am Arbeitsplatz, wie es weitergehen soll in Ihrer Beziehung, der Schmerz der offenen Wunde, wenn sie wieder und wieder auf die fehlende Gegenwart des geliebten Menschen stoßen.

Ist sich Jesus über all das im Klaren, dass er sich trotzdem traut, dass er sich trotzdem genötigt sieht, uns diese Aufforderung ans Herz zu legen, nicht nur einmal, sonder mehrfach: Wacht! Seid achtsam, denn ihr wisst nicht im Vorhinein, wann der günstige Zeitpunkt da sein Wort, das rechte Wort zu finden, eine Entscheidung zu treffen, einen anderen Menschen in den Arm zu nehmen.

Ich bin überzeugt davon, dass Jesus sich darüber im Klaren ist. Ich glaube, dass für Jesus nicht das Entscheidende ist, wie viele Stunden wir am Tag tatsächlich wach sind oder schlafen. Ich glaube nicht daran, dass er mir, dass er Dir den Schlaf missgönnt, der uns nötig ist. Ich glaube, dass er mit der Not Deines, mit der Not Ihres Nicht-schlafen-Könnens vertraut ist. Ich glaube, dass er in diesen Stunden gemeinsam mit Ihnen, dass er gemeinsam mit Dir wacht.

Ich glaube, dass Jesus es gar nicht wagen würde, uns zum Wachsein aufzufordern, wenn er uns vorher nicht das andere in die Hand versprochen hätte: Habt keine Angst, auch wenn Himmel und Erde vergehen, meine Worte werden nicht vergehen.

Wie sollen wir wachen Auges der Welt, die uns umgibt gegenübertreten, die Furcht vor ihrer Kompliziertheit verlieren, ein Ja dazu finden, dass es keine einfachen Lösungen gibt, wenn wir Jesus nicht beim Wort nehmen dürfen, dass er alle Tage, an allen unseren Lebensorten bei uns ist, dass er dort, wo wir zu zweit oder dritt in seinem Namen versammelt sind, mitten unter uns ist.

Woher sollen wir den Mut nehmen, unsere Tote loszulassen, wenn wir ihn nicht darauf behaften dürfen, dass er uns zugesagt hat: Ich lebe, und ihr sollt auch leben,, nicht darauf, dass er gesagt hat: In meines Vaters Haus sind viele Wohnungen, wär’s nicht so, hätte ich dann gesagt, ich gehe hin, euch die Stätte zu bereiten.

Woher sollten wir die Kraft nehmen, den Glauben und die Zuversicht, der Welt wie sie ist, gegenüberzutreten und ihr die Stirn zu beten, wenn Jesus uns nicht anders als dem Petrus versprochen hätte, dass er dafür betet, dass unser Glaube nicht aufhört.

Woher sollten wir den Mut nehmen, aus unserem Schneckenhaus rauszukommen, den anderen zu vergeben, die andere um Vergebung zu bitten, wenn nicht daraus, dass wir gesehen hätten, dass er mit seiner Vergebungsbereitschaft, bis zum Äußersten gegangen ist, wenn er uns nicht gezeigt hätte, wie kostbar wir ihm sind.

Herr, darum bitten wir Dich heute aufs Neue, um den Glauben, der der Macht Deiner Worte mehr traut als allem, was wir selber ausrichten können, darum, dass du uns stärkst, nichts und niemanden verloren zu geben, weil Du uns nicht verloren gibst. Tröste Du uns in allem, worin wir uns selber nicht trösten können.

Amen

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