13. Juni 2021 Konfirmationsgottesdienst Eric, Joelina, Kaja, Tokessa

Psalm 139,5:

Von allen Seiten umgibst du mich

und hältst deine Hand über mir   

Der Vers, den Du Dir ausgesucht hast, Kaja,steht im 139. Psalm. Es ist der erste Psalm in meinem Leben, der mich richtig beschäftigt hat. Und einer der ersten Texte, zu dem ich als Jugendlicher versucht habe, eine Melodie zu schreiben. Das einzige, was ich damit sagen will: Ich kann das gut verstehen, dass Du gesagt hast: ich habe diese Worte ausgesucht, weil ich sie schön finde. Zu wunderbar und zu hoch ist mir das. Ich kann das nicht begreifen,

hat der Mensch geschrieben, der das formuliert hat Da kann ich ihm nur zustimmen. Wie soll ich das in meinen Kopf rein bekommen: dass Gott neben all den Milliarden anderen Menschen sich die Zeit nimmt, sich ausgerechnet mit mir zu beschäftigen, dass er nicht irgendwo, nicht unendlich weit entfernt ist, sondern so nah,dass ich bei jedem Schritt nach vorn, bei jedem Schritt zurück, seine Nähe fast körperlich spüren kann.

Er hat seine Hand auf mich gelegt, so dass ich fast ihren Druck spüren kann. Wäre es nicht Gottes Hand, ich könnte fast ein wenig Platzangst bekommen. Wenn ich anfange, darüber nachzudenken, mir das vorzustellen, kann ich doch nur den Kopf schütteln: einfach unmöglich.

Beglückende Erfahrung: dass es trotzdem wahr ist, Gott überlassen können, wie er das wohl hinbekommt:

Egal, Du hingehst, egal, an welchen Orten Du Dich bewegst,

an den Orten, wo Du sein willst,dort, wo Du notgedrungen sein musst,

an den Orten, wo Du Dich zu Hause fühlst, an den Orten, wo Du Dich zum allerersten Mal hingewagt hast,

Dein Gott immer schon da, an Deiner Seite, gerade mal einen halben Schritt voraus, hinter Dir, um Dir den Rücken frei zu halten:

wenn Du frisch verliebt bist, wenn Dir nur nach Heulen zumute ist,

wenn Du Dich sicher fühlst, weil Du die anderen an Deiner Seite hast,

wenn Du nur allein sein möchtest, weil die anderen sowieso nicht nachempfinden können, wie Dir zumute ist;

wenn Du so wütend bist, dass Du platzen möchtest,

wenn Du hin und hergerissen bist, ob Du „Ja“ oder „Nein“ sagen sollst,

Dein Gott einfach da, ungefragt, beharrlich, verlässlich. Du wirst ihn nicht los, er lässt sich nicht von Dir abwimmeln, zerstreut Deine Bedenken, Du könntest ihm auf die Nerven gehen.

Zu Deinem Gott Vertrauen fassen, dass er es sich genau überlegt hat, dass er weiß, was er Dir zumuten kann und womit er Dich überfordern würde, dass Du Vertrauen fasst zu dem Widerstand, den er Dir entgegensetzt, dass er’s nicht tun würde, wenn er nicht wüsste, dass er Dir mit seinem „Nein“ eine Hilfe ist.

Dass Du ihm glaubst, dass er Dich gewollt hat, dass er Dich wunderbar gemacht hat, dass wünsche ich Dir, Kaja, von Herzen, und Euch Dreien, Tokessa, Joelina und Eric!

 

Dein Konfirmationsspruch, Tokessa, steht im Prophetenbuch Jesaja. Die Gute Nachricht-Bibel hat ihn so übersetzt:

Unter Jubel werdet ihr den Weg in die Freiheit antreten, mit sicherem Geleit werdet ihr heimkehren. Jesaja 55,12

Wohin geht Euer Weg als junge Christinnen und Christen, die heute konfirmiert werden?

Mündig“ heißt es, seid Ihr jetzt. Fühlt Ihr Euch so? Traut Ihr Euch das zu, Patin oder Pate zu werden, einem kleinen Menschenwesen Mut zu der Hoffnung zu machen, die Gott in uns alle hineingelegt hat?

Was werdet Ihr antworten, falls Euch in einigen Jahren jemand fragt, ob Ihr Euch vorstellen könnt, Euch in Eurer Gemeinde ins Presbyterium wählen zu lassen? Kommt Euch das völlig abstrus vor?

Was antwortet Ihr muslimischen Mitschüler*innen, wenn sie Euch nach Eurem Glauben fragen, wenn sie wissen wollen, ob Jesus für oder gegen die Todesstrafe ist und warum Ihr Euch habt konfirmieren lassen?

Ihr steht als Christen und Christinnennicht allein da. Niemand von uns tut das. Ein Glück!

Wir haben gemeinsam eine Wurzel, die uns trägt. Die Geschichte Gottes mit seinem jüdischen Volk. Diese Geschichte hat eine klare Zielrichtung. Raus aus der Sklaverei, raus aus der Gefangenschaft, um in Freiheit zusammen zu leben, in dem Land, das Gott versprochen hat. Was haben jüdische Menschen auf dem Weg in die Freiheit für Rückschläge einstecken müssen!

70 Jahre Gefangenschaft in Babylon liegen hinter den Menschen, zu denen Jesaja spricht. Ist es zu glauben, dass sie jetzt jubeln werden, weil sie zurück nach Hause kommen? Und dann all die Jahrhunderte, in denen Juden und Jüdinnen in viele, viele Länder zerstreut waren: angefeindet, blutig verfolgt.

Vor gut 70 Jahren wurde im Land der Bibel ein neuer Staat Israel gegründet. Wie schwierig gestaltet sich dort bis heute das Zusammenleben zwischen Juden und Palästinensern? Und dennoch: ein Hoffnungszeichen, dass Gott Bund und Treue hält ewiglich, dass er das Werk seiner Hände niemals preisgibt. Nicht sein jüdisches Volk und so uns auch nicht.

Ich hab mich gefreut, Tokessa, dass Du sagst: Ich denk bei den Worten meines Konfirmationsspruchs an die Gemeinde: also an Deine Gemeinde, in der Du getauft bist in der Du zum Kindergottesdienst gegangen bist, viele Jahre beim Krippenspiel mit dabei warst.

Du kannst Dir das vorstellen: die Menschen in Deiner Gemeinde in die gleiche Zielrichtung unterwegs wie Gottes jüdisches Volk: fröhlich, ausgelassen unterwegs an einen Ort, wo Menschen sich zu Hause fühlen.

Und ihr Vier ein Teil davon. Es kann Eure Gemeinde zu Tokessa, Joelina, Kaja und Eric nicht sagen, wir brauchen Euch nicht. Wenn sie es tut, schneidet sie sich ins eigene Fleisch.

Ihr könnt nicht alleine frei sein. Bitte, glaubt niemandem, der etwas anderes behauptet: Frei sein geht nur gemeinsam. Es braucht Zeit, um zusammenzuwachsen.

Ich weiß noch, wie ratlos ich im Herbst des 1. Unterrichtsjahrs ab und zu war: Wie soll aus diesem Chaos-Haufen bloß eine Gruppe werden? Und dann hast Du, Joelina, einen Zettel an die Pinnwand gehängt, auf dem stand: Eric, Tokessa, Joelina, Kaja, beste Konfi-Gruppe Deutschlands. Ich war einigermaßen perplex.

Woher hast Du das damals bloß schon gewusst, Joelina? Wer hätte gedacht, dass Ihr drei Mädchen es die ganze Pragfreizeit über friedlich zu dritt in einem Doppelbett aushaltet?

Ich kenne niemanden, der über so eine stoische, nüchterne Ruhe und Beharrlichkeit verfügt wie Du, Tokessa.

Eric, Du bist genauso impulsiv wie erfrischend ehrlich und direkt und unbesorgt darum, bei anderen anzuecken.

Ich wusste, was ich während unserer Corona-Pause vermisst habe, als Du, Kaja, mich auf whatsapp rund gemacht hast, weil ich Deinen Namen falsch geschrieben habe. Du kannst Dich so herrlich in null-komma-nichts aufregen und kurz danach schon wieder sanft und friedlich sein. Du hast beim Vorstellungsgottesdienst mit so wenigen Worten eindrücklich zum Ausdruck gebracht, was Du an Deinem Lieblingslied toll findest.

Neben vielem anderen bin ich Dir, Joelina, schon allein deshalb für immer dankbar, weil ich ohne Dich vielleicht nie auf Grey’s Anatomy und Shonda Rhimes gestoßen wäre.

Ich habe in all den Jahren kaum eine höflichere Konfirmandengruppe kennengelernt. Falls Ihr mir das nicht glaubt, fragt Steffi, die sieht das genauso.

Solange Gott auch seiner Gemeinde in Vlotho Bund und Treue hält, so lange er dafür sorgt, dass es auch Menschen wie Euch Vier unter uns gibt, solange gib es Hoffnung, ein paar Schritte zum Jubeln auf dem Weg zur Freiheit weiterzukommen:Hoffnung, dass Gemeinde ein Ort sein könnte, wo Menschen sich zu Hause fühlen.

 

HERR; deine Güte reicht, so weit der Himmel ist,

und deine Wahrheit, so weit die Wolken gehen.

Ps 36,6

Auch Du, Joelina, hast Dir, wie Kaja, Worte aus dem großen Gebetsbuch unserer Bibel,

aus den Psalmen ausgesucht.

In den Himmeln, bei Gott, ist Güte,

die Güte, die wir zwischen uns oft so schmerzlich vermissen: wenn wir gnadenlos miteinander sind,

die anderen gegen uns

und wir gegen die anderen,

die einen nur für sich, auf Kosten der anderen.

Da, wo Gott ist, herrscht Güte, seine Güte,

sie geschieht, muss keinen Widerstand fürchten.

Aber das reicht Gott nicht,

das wird ihm niemals genug sein,

dass seine Güte „nur“ im Himmel herrscht.

Deshalb lehrt Jesus uns, so zu beten:

Dein Wille geschehe,

wie im Himmel so auf Erden.

Darauf ist Gottes Güte ausgerichtet,

dass wir Menschenkinder unter dem Schatten seiner Flügel Zuflucht finden.

Unbegreiflich aber wahr ist,

dass Gott seinen Menschen treu ist.

Gottes Wahrheit, so weit die Wolken gehen.

Ich hätte mir das besser aufschreiben sollen,

wie Du das wörtlich formuliert hast, Joelina,

aber so ist es bei mir angekommen:

Die Wolken gehen, so weit die Erde ist.

An jedem Ort auf dieser Welt

besteht die Chance, die Wahrheit zu sagen.

Die Wahrheit zu sagen, ist schwer.

Es erfordert Mut, es erfordert viel Liebe,

es erfordert die Kunst,

den rechten Ton zu treffen,

den rechten Moment zu finden.

Menschen machen Fehler,

nicht nur leicht verzeihliche Bagatellen,

schwerwiegende Fehler,

Fehler, die sich nicht ungeschehen machen lassen, Fehler, die Dich erkennen lassen,

dass Du darauf angewiesen bist,

dass ein Anderer bereit ist, Dir zu verzeihen,

dass Du, um weiterzuleben, lernen musst,

Dir selber zu verzeihen.

Die Wahrheit ist, dass Gott uns so aushält,

dass er uns Fehler machenden,

schuldig werdenden Menschen die Treue hält.

Der kritische Punkt, an dem sich entscheidet,

ob ein Arzt ein guter Arzt, eine gute Ärztin wird, ist laut Grey’s Anatomy die Situation,

in der er oder sie feststellen muss,

dass ein Mensch auf Grund

seines, ihres Fehlers,

seiner, ihrer  Unachtsamkeit,

seiner, ihrer  Selbstüberschätzung,

seiner, ihrer Unbekümmertheit gestorben ist.

Die kritische Frage ist, ob er, ob sie über die Verzweiflung darüber hinwegkommt und um aller zukünftigen Patienten willen Demut lernt.

Warum solltest Du die Wahrheit sagen?

warum solltest Du an dem schönen Bild kratzen, dass sich die anderen von Dir gemacht haben

Warum solltest Du vor Dir selbst und vor der Anderen Rechenschaft darüber abgeben,

was Dich wirklich angetrieben hat,

eine Sache zu tun, Dich so gegenüber

dem anderen Menschen zu verhalten,

wenn dadurch so viel ungünstiges Licht auf Deine Person fällt?

Weil nur das Euch einander nähert bringt,

weil nur das die Chance eröffnet,

das, was zwischen Euch steht,

aus dem Weg zu räumen,

weil die Wahrheit ist, dass die anderen und Du,

dass wir gemeinsam einen Gott haben,

der treu ist, dessen Güte so kostbar ist,

dass unter dem Schatten seiner Flügel

Zuflucht für unsere verletzliche Nacktheit ist,

für die verletzliche Nacktheit des anderen

und für unsere eigene.

 

In der Welt habt ihr Angst,

aber seid getrost,

ich habe die Welt überwunden.

Johannes 16,33

Auch bei Dir, Eric, denke ich:

hättest Du Dir mal sofort notiert,

was Eric selber zur Wahl seines Konfirmationsspruchs gesagt hat.

Das war nämlich,

mal eben so aus dem Handgelenk,

eine kleine Mini-Predigt.

Ich glaub nicht,

dass ich das inhaltlich besser sagen kann als Du.

„Die Welt ist ja kein Ponyhof“,

hast Du angefangen.

Und weil das so ist, sagt Jesus:

In der Welt habt ihr Angst.

Die Angst geht nicht davon weg,

dass Du so tust, als ob es sie nicht gibt,

Sie verschwindet auch nicht dadurch,

dass Du sie eingestehst, sie beim Namen nennst.

Aber es ist ein erster unumgänglicher Schritt.

In der Welt haben wir Angst:

Angst gefoltert, von Bomben zerfetzt,

vergewaltigt zu werden,

Angst, das Zuhause zu verlassen,

auf der Flucht umzukommen,

Angst zu verhungern,

Angst vor Schmerzen,

Angst, dass es zu spät ist,

die Klimakatastrophe zu stoppen,

Angst, dass es im Herbst

mit Corona von vorne losgeht,

Angst, dass Du Deine Stelle verlierst,

Angst, was nach der Schule kommt,

Angst, ob Du Menschen findest, die Dich lieben

und liebbehalten,

Menschen, bei denen Du Dich sicher

und geborgen fühlst.

Angst, Fehler zu machen, falsche Entscheidungen zu treffen,

die Du nicht rückgängig machen kannst,

Angst vor Schmerzen, Angst zu sterben,

Angst, Deinen Glauben zu verlieren,

Angst, nicht mehr beten zu können.

In der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost,

ich habe die Welt überwunden.

Jesus sagt das, nicht wir.

Auch nicht Euer Pastor.

Nicht wir überwinden die Welt,

nicht wir besiegen die Angst,

nicht wir überwinden das Böse in der Welt,

auch nicht das Böse in uns.

Jesus sagt uns, dass er das getan hat,

er alleine, ohne uns, gegen uns

und gerade so für uns.

Anders als wir uns das erwartet hätten,

kein Paukenschlag, keine Trompeten,

kein Triumph, keine Beifallsstürme.

Nur das Gegenteil davon:

Ein Mensch, der elendiglich stirbt,

von seinen Freunden verraten, verleugnet,

im Stich gelassen,

unschuldig verurteilt.

Ein Mensch, der schweigt,

statt sich zu verteidigen, der sich nicht wehrt,

der sich nicht wehren will,

der verhöhnt, verspottet,

ausgelacht und als ein aufständischer

Schwerkrimineller hingerichtet wird.

Als Unschuldiger springt er

für uns in die Bresche,

lädt, was in dieser Welt im Argen liegt,

auf seine Schultern,

fragt nicht danach, ob uns das gefällt,

ob uns das einleuchtet

So und nur so überwindet er die Welt,

treibt er das Böse mit seiner Liebe aus,

tut er den Willen seines Vaters im Himmel,

damit wir untereinander eins werden,

so wie er und der Vater im Himmel eins sind.

Diesen, den wir Menschen hingerichtet haben,

den wir verspottet, verraten, verleugnet,

im Stich gelassen haben,

den hat Gott am dritten Tag lebendig gemacht, den hat er ins Recht gesetzt,

dem gehört die Macht,

der lebt, der sagt zu Tokessa, zu Joelina, zu Kaja zu Eric, zu uns allen:

Ich lebe, und ihr sollt auch leben.

Jetzt und in alle Zukunft,

in Gottes Zukunft,

im neuen Himmel, auf der neuen Erde,

auf der Gerechtigkeit wohnt.

Das macht Hoffnung, hast Du, Eric, gesagt.

Eine andere Hoffnung haben wir nicht.

Ich kenne keine bessere als diese.

Hoffnung lässt nicht zuschanden werden.

Amen, das heißt, es werde wahr.

 

Winfried Reuter

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