Predigt am 24.05.2020, Jeremia 31,31-34

 

Bibeltext am Ende der Predigt

 

 

 

Liebe Gemeinde!

Am Freitag habe ich hin und her überlegt, mit welchem Satz ich diese Predigt beginnen soll.

Liebend gern hätte ich gewusst, was Ihnen, was Euch durch den Kopf geht, wenn Ihr die Worte hört, die ich gerade verlesen habe.

Können wir uns darauf einigen: Das sind keine alltäglichen Worte?

So etwas sagt der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs nicht Tag für Tag zu den Menschen seines jüdische Volkes.

Gerade aus dem Mund des Prophten Jeremia sind die Menschen in Israel ganz andere Töne gewöhnt:

An Euren Händen klebt Blut! Ihr beutet die Armen aus. Ihr hurt toten Götzen hinterher!

Das sind keine leeren Worte gewesen.

Viele der Bewohner und Bewohnerinnen Jerusalem sitzen jetzt weinend an den Ufern Babylons,

wenn sie an ihre Stadt denken: an die zerstörten Häuser, an die geschleiften Stadtmauern, an den geplünderten Tempel.

Wie schwer ist es Gott gefallen, die Drohungen gegenüber den Menschen, die er liebt, wahrzumachen?

Wie anders klingt es, wenn Gott sein Herz sprechen lässt, wenn er seiner Eifersucht Herr geworden ist:

Tage kommen, da schließe ich einen neuen Bund mit dem Haus Israel. Dies ist der Bund, den ich mit dem Haus Israel nach diesen Tagen schließen werde:

Ich gebe meine Weisung in ihr Inneres, auf ihre Herzen schreibe ich sie.

Ich werde ihnen Gott, und sie werden mir Volk sein. Kein Mensch wird mehr sein Genossen, kein Mensch wird mehr seine Bruder lehren und sagen:

Erkennt IHN! Denn sie alle werden mich erkennen, von den Kleinen bis zu den Großen. Den ich vergebe ihre Schuld, an ihre Sünden denke ich nicht mehr.

Keine alltäglichen Worte, Zukunftsworte!

Worte, die von Herzen kommen, aus Gottes Herzen. Kein Alltagskram.

Statt dessen der Kern ihrer Beziehung: das, von dem Gott nicht lassen kann.

Gott muss von dem Neuen sprechen, was er sich zum Ziel gesetzt hat. Er kann, er will nicht anders.

Ähnliche Stellen der Bibel kommen mir in den Sinn:

Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur. Das Alte ist vergangen. Siehe, Neues ist geworden.

Wir warten aber auf einen neuen Himmel und eine neue Erde, auf der Gerechtigkeit wohnt.

Und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen. Und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid, noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein. Und der auf dem Thron saß sprach:

Siehe, ich mache alles neu!

Was lösen solche großen Worte bei Dir aus?

Treffen Sie einen Nerv bei Dir?

Ziehen Sie Dich an?

Spürst Du Lust, sie in Dich aufzusaugen?

Oder winkst Du sofort ab?

Lass man stecken, lieber Gott, ich bleib lieber schön auf dem Teppich.

Wer vermag denn mit Sicherheit zu sagen, wie es die nächsten Wochen weitergeht?

Bei uns in Deutschland, in Indien, in Tansania,

in den Flüchtlingslagern auf Lesbos?

Werde ich in vier, in sechs Wochen noch Arbeit haben? Wird es unsere Firma dann noch geben?

Werden wir in diesem Jahr mit den Katechumenen nach Prag fahren können?

Werden wir am 20. September tatsächlich mit unseren Konfis Konfirmation feiern?

Sagst Du: Ach, ist gar nicht so verkehrt, zu lernen kleine Brötchen zu backen.

Sagst Du: Ich lch halt mich lieber an Jesu Worte aus der Bergpredigt: Jeder Tag hat seine eigene Sorge.

Ich bete lieber: Unser tägliches Brot gib uns heute!

Das ist der Bund, den ich mit ihnen schließen will:

Ich gebe meine Weisung in ihr Inneres und schreibe sie auf ihre Herzen.

Nicht mehr wird eine Frau einen Mann lehren: Du wirst nicht töten, Du wirst mir keine Gewalt antun.

Nicht mehr wird ein Mensch seinen Nächsten lehren: Du wirst nicht mehr nach der Freundin Deines besten Freundes schielen.

Niemand wird Dich mehr lehren und sagen: Du wirst Deine Klassenkameraden nicht darum beneiden, dass es ihnen, im Gegensatz zu Dir, so leicht fällt, sich zur Wehr zu setzen.

Niemand wird zu Dir mehr sagen: Du wirst die andren nicht mehr um ihre tolle Clique beneiden.

Niemand wird mehr denken,

er müsste Dich das lehren.

Da wird niemand mehr sein,

gegen den Du Dich zur Wehr setzen musst.

Du wirst das neidisch sein verlernt haben.

Niemand wird Dich das lehren.

Es wird Dir selbst auf der Seele liegen, für das Recht der Wohnungslosen zu streiten.

Du wirst die Lust daran verlieren, über andere Bescheid zu wissen.

Du wirst Lust haben, herauszubekommen, was hinter dem Protzgehabe mancher Mitschüler aus Migrantenfamilien steckt.

Das ist der Bund, den ich mit dem Haus Israel schließen werde:

Ich gebe meine Weisung in ihr Inneres,

auf ihr Herz schreibe ich sie.

Gelobt sei Jesus Christus, der für uns Mitbürgerrecht im Haus Israel erstritten hat.

Denn so haben auch wir allen Grund, die Ohren zu spitzen, wenn Gott so etwas in Aussicht stellt.

Gottes Gebote, seine Regeln für ein Leben in Freiheit nichts Äußerliches mehr, sondern uns ins Herz geschrieben, zur zweiten Haut geworden, uns in Fleisch und Blut übergegangen.

Der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs buchstabiert das Wort Freiheit anders als wir das für gewöhnlich tun.

Unser Gott ist frei, sich zu binden, sich festzulegen. Er hat keine Angst davor.

Das Wort „bindungsscheu“ ist ein Fremdwort für ihn. Niemand zwingt ihn, niemand treibt ihn dazu. Es ist Gottes freie Entscheidung, sich festzulegen, mit seinen Menschen Bündnisse einzugehen.

Pacta sunt servanda. Bündnisse sind einzuhalten. Wie oft wird diese Maxime von uns Menschen Lügen gestraft. Wie oft sind unsere Bundesschlüsse nicht das Papier wert, auf dem sie geschrieben sind.

Nicht so unser Gott. Er ist das Gegenteil von „was kümmert mich mein Geschwätz von gestern.“

Gott schwatzt nicht, er verspricht.

Er legt sich in seinen Zusagen fest. Es steht uns frei, ihn zu erinnern. Im Zweifelsfall haben wir die Gelegenheit, ihm seine Zusagen unter die Nase zu reiben:

Hast Du nicht gesagt, dass Tage kommen, in denen Du Deine Weisung in unsere Inneres gibst, sie auf unsere Herzen schreibst?

Hast Du nicht gesagt, dass Tage kommen, an denen kein Mensch den anderen lehren muss, Dich zu erkennen?

Kein Pastor seine Konfirmanden und Konfirmandinnen, keine Eltern ihre Kinder und keine Kinder ihre Eltern?

Das nimmt unser Gott in Kauf. Das fordert er gerade zu heraus, dass wir ihm in den Ohren liegen und ihn bedrängen:

Wie lange dauert es noch, bis der Zwiespalt in mir aufhört?

Wie lange noch werde ich das Gegenteil von dem tun, was ich will, was ich mir vorgenommen habe?

Wie lange noch wird mir das passieren, dass mir Worte rausrutschen, für die ich mich hinterher ohrfeigen könnte?

Wie lange noch werde ich andere vollquatschen, anstatt die Klappe zu halten, anstatt die Klappe zu halten und mich drauf zu konzentrieren, aufmerksam zuzuhören?

Und umgekehrt: Wie lange noch werde ich zaudern, den Mund aufzumachen, und die Dinge, die ich mir gründlich überlegt habe, auszusprechen, nur weil ich Angst habe, etwas Falsches zu sagen, anzuecken, anschließend geschnitten zu werden?

Wie lange noch schrecken wir davor zurück, mit anderen zu teilen, weil wir Angst haben, dass es dann für uns selbst nicht mehr reichen könnte?

Wie lange dauert es noch, bis wir aufhören, uns über die rechte Auslegung der Bibel und Deiner Gebote in die Haare zu kriegen, so sehr, dass dadurch Gemeinden auseinanderbrechen, dass Christen und Christinnen kein Wort mehr miteinander reden?

Ich weiß das genauso wenig wie Sie, wie Ihr, wie lange das noch dauert, bis Gott seinen Bund so erneuert, wie er es angekündigt und zugesagt hat. Ich weiß nicht, warum Gott es für gut befindet, dass die Tage, die er angekündigt hat, noch immer schmerzlich auf sich warten lassen.

Ich weiß nicht, warum Gott es für gut befindet, uns mit solcher Entbehrungs-, mit solcher Erwartungssehnsucht leben zu lassen.

Ich mag mir nur nicht ausmalen, was Dir, was mir fehlen würde, wenn die Worte unseres heutigen Predigttextes, wenn all die andren großen Zusagen unseres Gottes in unserer Bibel fehlen würden.

Was für ein resignatives, was für ein rückwärtsgewandtes, was für ein schicksalsergebenes Häuflein von Menschen wären wir?

Was wären wir ohne die Hoffnungen, die nicht wir, sondern der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs in uns weckt, in uns einpflanzt, in uns entzündet, anfacht, schürt, am Leben erhält?

Was wären wir, ohne das Gott uns das von Neuem auf den Kopf zusagt, ohne dabei nur im Geringsten zurückzurudern, irgendwelche Abstriche zu machen,

ohne sich auf das zu beschränken, was unser angeblich gesunder Menschenverstand für möglich und machbar hält?

Was wären wir ohne unseren Gott, der sich müht, dass wir nicht über das verzweifeln, was Menschen Menschen angetan haben und weiter antun?

Es kommen Tage, spricht unser Gott, da gebe ich meine Weisungen in Euer Inneres, da schreibe ich sie auf Eure Herzen.

Da werdet Ihr mich alle erkennen, Ihr Kleinen und Ihr Großen. Denn ich vergebe Euch, ich gedenke nicht mehr an Eure Sünden.

Es ist ja, was Gott uns hier in Aussicht stellt, schon jetzt mehr als reine Zukunftsmusik.

Dass Gott treu ist, dass er an seinem Bund festhält, wie oft wir ihn unsererseits schon gebrochen haben, dass er in allen Exilen und Zerstreuungen mit seinem Volk ausharrt, das glauben zu können ist jüdischen Menschen in vielfacher Weise zur Anfechtung geworden, das ist nicht zu bestreiten

aber es ist auch jüdischen Menschen schon zum Trost geworden, an den sie sich klammern, ohne den sie nicht weiterleben mögen.

Vater vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun, lesen wir im Lukas-Evangelium über den Moment, kurz bevor Jesus stirbt. Wo wärst Du, wo wäre ich, wenn wir uns nicht in vielen Situationen an diese Worte geklammert hätten? Wenn wir uns nicht daran geklammert hätten, dass Jesus diese Worte auch für uns betet?

Gottes Weisungen in unserem Inneren, auf unsere Herz geschrieben.

Ja, es hapert bei uns allerorten an Beständigkeit. Tag für Tag erleiden wir dabei Rückschläge, und dennoch, ich behaupte das jetzt einfach:

Wir alle kennen Momente, in denen Gottes Geist das hinbekommt, dass es plötzlich wie von selbst funktioniert:

Glücksmomente von gelebter Einigkeit zwischen uns,

Momente, , in denen Neid und Eifersucht wie weggeblasen scheinen,

Momente, in denen wir uns nur ungläubig an den Kopf fassen und uns wundern, warum wir nur so lange gezaudert haben, das direkte Gespräch unter vier Augen zu suchen,

oder jemandem einzugestehen, wie leid es Dir tut.

Es kommen Tage, sagt unser Gott, da gebe ich meine Weisungen in Euer Inneres und schreibe sie auf Eure Herzen.

Wir haben einen freien Gott. Er ist frei sich zu binden, sich für alle Zukunft festzulegen: Er wird seinen Bund mit uns nicht brechen.

Amen

Bibeltext zum 24.05.2020, Jeremia 34,31-34

31 Siehe, Tage kommen – Spruch des HERRN -, da schließe ich mit dem Haus Israel und dem Haus Juda einen neuen Bund.

32 Er ist nicht wie der Bund, den ich mit ihren Vätern geschlossen habe an dem Tag, als ich sie bei der Hand nahm, um sie aus dem Land Ägypten herauszuführen. Diesen meinen Bund haben sie gebrochen, obwohl ich ihr Gebieter war – Spruch des HERRN.

33 Sondern so wird der Bund sein, den ich nach diesen Tagen mit dem Haus Israel schließe – Spruch des HERRN: Ich habe meine Weisung in ihre Mitte gegeben und werde sie auf ihr Herz schreiben. Ich werde ihnen Gott sein und sie werden mir Volk sein.

34 Kein Mensch wird mehr sein Genossen belehren, kein Mensch mehr seinen Bruder, man wird nicht zueinander sagen: Erkennt den HERRN!, denn sie alle, vom Kleinsten bis zum Größten, werden mich erkennen – Spruch des HERRN. Denn ich vergebe ihre Schuld, an ihre Sünde denke ich nicht mehr.

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