Predigt zur Jahreslosung: Ich glaube, hilf meinem Unglauben! Markus 9,24

279,1,4,5 Jauchzt, alle Lande, Gott zu Ehren, 659,1-3 Ins Wasser fällt ein Stein, 376,1-3 So nimm denn meine Hände, 656,1-3 Fürchte dich nicht, gefangen in deiner Angst, 421 Verleih uns Frieden gnädiglich

Liebe Gemeinde!

Als Steffi mich vor einigen Wochen gefragt hat, ob ich heute über die Jahreslosung predigen könnte, da habe ich sofort gesagt: Klar, gerne. Wer schlägt schon jemandem wie Steffi ohne triftigen Einwand eine solche freundliche Bitte ab? Aber ich hab bestimmt nicht nur deshalb „Ja“ gesagt. Der Hauptgrund ist schon, dass ich diese Jahreslosung besonders mag. Geht Ihnen, geht Dir das ähnlich oder sehr anders? Wundern würde es mich, wenn Sie, wenn Du sagst, dass Dich die Worte der Jahreslosung kalt lassen.

Da müsstest Du, da müssten Sie schon ein Herz aus Stein haben!

Da ist der Vater eines Kindes, das seit Geburt krank ist und diese schrecklichen Anfälle bekommt, bei denen es hinfällt, Schaum vor dem Mund hat, mit den Zähnen knirscht. Seine Eltern leben ständig mit der unterschwelligen Angst, dass Ihr Kind bei der nächsten Attacke ertrinken oder Feuer fangen könnte. Der Vater hat sich an diesen Strohhalm geklammert: Vielleicht kann dieser Jesus uns helfen. Und dann ist Jesus gar nicht da. Ist mit dreien seiner Schüler auf einen Berg gestiegen, heißt es. Er wendet sich an die anderen Schüler Jesu. Es stellt sich heraus, dass die ihm auch nicht helfen können und nur ergebnislos mit den Schriftgelehrten diskutieren. Dann taucht Jesus endlich wieder auf. Der Vater fasst sich ein Herz und erzählt vor all diesen fremden Menschen wie das seit Jahren bei ihnen zu Hause zugeht und welche Ängste sie ausstehen. Schließlich richtet er seine flehentliche Bitte an Jesus: Wenn Du kannst, Rabbi, dann hilf uns, erbarme Dich unser!

Und Jesus sagt: Du sagst „wenn Du kannst“, wer glaubt, wer Vertrauen hat, der ist zu allem fähig, für den ist alles möglich. Warum reagiert Jesus so? Kann er nicht einfach etwas sagen wie: Ja, ich kann Dir helfen, und ich tu’s gerne. Was will Jesus diesem armen Vater damit sagen? Muss der Mann das nicht wie einen Vorwurf auffassen: Ja, wenn Du nur glauben würdest! Wenn Du nur Vertrauen hättest, zu mir, zu Gott, dann wär alles kein Problem. Dann hättest Du gar nicht zu kommen brauchen. Dann hättest Du einfach selber gebetet und alles wäre gut geworden. „Weiß Jesus denn nicht“, mag dem Vater durch den Kopf schießen, „wie oft wir schon wegen unsers Kindes zu Gott gebetet haben?“

Was der Vater genau gedacht und empfunden hat, weiß niemand von uns. Aber Jesu Worte müssen irgendetwas bei ihm zum Überlaufen gebracht haben. Es bricht aus ihm heraus. Er schreit: Ich glaube, hilf meinem Unglauben. Nichts möchte ich lieber als einfach nur glauben, einfach nur vertrauen. Aber ich schaff’s nicht. Ich weiß nicht, wie das geh’n soll. Deshalb bitte: Hilf mir gegen meinen Unglauben. Rette mich vor diesem verdammten Misstrauen! Mach was gegen diese Zweifel, die mich so fertig machen!

Was der Vater dieses kranken Kindes über so viele Jahre hinweg und dann jetzt in diesem Moment durchmacht, daran ist nichts schön. Es ist schrecklich. Es ist nur schwer auszuhalten.

Ich mag an unserer Jahreslosung, dass der Aufschrei dieses verzweifelten Vaters in unserer Bibel nicht unter den Tisch gekehrt wird- Es wird daran nichts beschönigt. Er darf das sagen. All die anderen Menschen, die um Jesus herumstehen, bekommenn es mit und er wird von Jesus mit keinem einzigen Wort für seinen Aufschrei getadelt.

Ich mag unsere Jahreslosung, weil ich schon viele Male in ähnlicher Weise aufgeschrien habe wie dieser Vater, nicht laut, nicht im Beisein von so vielen anderen Menschen, aber in meinem Inneren, zu unserem Gott. Es gibt keinen Grund, sich dafür zu schämen: nicht für diesen Vater, nicht für mich, nicht für irgendjemand von Ihnen, von Euch. Es ist kein Zeichen, dass mit unserem Glauben etwas nicht in Ordnung ist. Es ist kein Anzeichen eines Defektes, bei dem wir nur den richtigen Handwerker anzurufen brauchen, um ihn abzustellen.

Ist ein solcher Aufschrei nicht ein Zeichen, dass Du nicht abgestumpft bist, dass Du nicht davor wegläufst, dass es Dinge gibt, die so viel anderen, aber auch Dir nahe gehen und Dich sprachlos und um eine Antwort verlegen machen.

So, wie wir vorhin mit den Worten des 42. Psalms gemeinsam gebetet haben: Meine Tränen sind meine Speise Tag und Nacht, weil man täglich zu mir sagt: Wo ist nun dein Gott? Als Menschen, die an Gott glauben, weinen. weinen können, weinen dürfen, ohne sich seiner Tränen zu schämen. Weil diese Fragen „Wo ist nun dein Gott?“ nicht einfach von außen kommen. Weil es Fragen sind, die auch an mir, die auch an der eigenen Seele nagen.

Wo ist nun dein Gott, wenn der Hass und die Gnadenlosigkeit und die Angst voreinander im Zusammenleben der Menschen nicht weniger werden, sondern zunehmen. Wenn das Vorbereiten und Führen von Kriegen, das Foltern und Vergewaltigen nicht aufhören. Wenn uns dämmert, dass es keinen Ausweg aus diesen Fragen gibt, indem wir uns selbst auf der Seite der Guten verorten, die sich empört abwenden, weil sie glauben, zu solch bösen Taten nie und nimmer in der Lage zu sein.

Was antworte ich, wenn ich gefragt werde, wo ist nun Dein Gott, und ich weiß, es gibt keine bessere Vergangenheit gibt, in die wir uns zurückflüchten könnten. Es gibt nicht’s zu leugnen, es war unser Land, in dem Schranken überschritten wurden, die nie hätten überschritten werden dürfen. Es war unser Land, von dem aus Menschen sich daran gemacht haben, die fabrikmäßige Vernichtung von Menschenleben in die Tat umzusetzen.

Was antworte ich, wenn ich gefragt werde, wo ist nun Dein Gott, wenn Menschen wissen wollen: Warum gibt es zwischen Euch Christen und Christinnen so viel Streit? Warum halten sich auch unter Euch die einen für besser als die anderen? Warum predigt und redet Ihr viel von der Versöhnung, die Christus am Kreuz für uns zustande gebracht hat, aber wo lebt ihr diese Versöhnung, von der Ihr sagt, dass sie uns geschenkt wird? Wem vergebt Ihr, wem bittet Ihr um Vergebung?Warum gibt es auch unter Euch Menschen, die nicht mehr miteinander reden, die glauben, sich gegenseitig nicht nötig zu haben.

Ihr sagt, dass Ihr als Christen und Christinnen keine besseren Menschen, dass Ihr keinen Deut besser seid als andere Menschen auch: Sagst Du das nur oder glaubst Du das wirklich?

Ja, das ist die Frage: Bin ich mir darüber im Klaren, wie sehr ich auf Gottes Gnade angewiesen bin. Freue ich mich darüber, ein begnadigter Sünder zu sein? Kenne ich etwas von der Freude, mit anderen barmherzig zu sein?

Nein, die Frage nach unserem Miteinander als Christen und Christinnen trifft mich wahrlich nicht nur von außen. Vielleicht sogar noch mehr ist sie meine eigene Frage und mene eigene flehentliche Bitte: Ich glaube, dass wir in Dir alle eins sind, aber bitte, hilf meinem Unglauben.

Und wenn es Herzenswünsche gibt, mit denen wir Gott Tag für Tag, Jahr für Jahr in den Ohren liegen, und wir haben nicht das Gefühl, um etwas eigensinnig Egoistisches zu beten, sondern um etwas, was Gottes Willen entspricht, und trotzdem scheint sich wenig bis nichts zu bewegen, wie stark kratzt das an meinem Glauben, an meinem Gottvertrauen.

Ich glaube, hilf meinem Unglauben. Ich bin froh, dass ich so beten darf. Ich brauch mich dafür nicht zu schämen. Gott will gar nicht, dass ich den Glaubenshelden spiele, dem das alles nichts anhaben kann. Ich brauch keine Sorge zu haben, Gott damit zu verschrecken, selbst wenn ich das ähnlich aus mir rausschreie wie der Vater des kranken Kindes das tut.

Ich glaube, hilf meinem Unglauben. Gott so anzuflehen, das bedeutet für mich auch: Herr, ich klammere mich an Deine Verheißung. Halt mich davon ab, dass ich Abstriche an Deinen Verheißungen mache. Ich will das nicht vergessen, dass Du versprochen hast, dass die Zeit kommt, in denen Schwerter zu Pflugscharen gemacht werden, in denen Menschen das Kriegshandwerk verlernen werden. Ich will dass nicht vergessen, dass Du eine Zeit in Aussicht gestellt hast, in der Dein jüdisches Volk in Frieden mit uns anderen Völkern wird leben können, eine Zeit, in der der Hunger nach Gerechtigkeit gestillt wird, eine Zeit, in der jeder sein Auskommen haben wird, in der niemand mehr zum Pastor kommen und um ein paar Euro Unterstützung oder um die Begleichung einer unerwarteten Stromnachzahlung betteln muss. Ich will das nicht vergessen, dass, wenn jemand in Christus ist, er eine neue Kreatur ist, dass das Alte vergangen, das Neues geworden ist. Ich will das nicht vergessen, dass in Christus Jesus weder Jude noch Grieche, weder Mann noch Frau, weder Sklave noch Freier ist, sondern wir alle einer im Messias Jesus sind.

Ich glaube, hilf meinem Unglauben. Es ist nicht schön, in einem Anfall von Unglauben festzustecken. Es ist das Gegenteil von schön, von Zweifeln geplagt zu werden, dass Gott da ist, dass er Macht hat, einzugreifen, zu helfen. Es tut weh, zu entdecken, dass wir, so lange wir auf dieser Erde leben, es nicht schaffen, solche Zweifel ein für alle Mal loszuwerden, dass wir, bevor Gott nicht alle Tränen aus unseren Augen abwischen wird, nicht davor gefeit sind, dass sie uns von Neuem anfallen. Es ist nicht schön. Es belastet. Es zieht runter.

Wer von uns sehnt sich nicht danach, Tag für Tag im festen Vertrauen auf Gottes Gegenwart, auf seine Hilfe, auf seine Gerechtigkeit, auf seine Güte zu leben. Wer von uns sehnt sich nicht danach, das selbst fest im Griff zu haben und steuern zu können?

Aber es ist und bleibt eine Ilussion, ein frommer Wunsch. Es tut weh, aber es ist heilsam, wenn Gott uns diese Ilussion nimmt. Glauben-Können ist keine Fähigkeit, die wir uns aneignen, keine Technik, die sich erlernen lässt. Wahrer Glaube ist ein Geschenk, reines Geschenk. Das ist kein frommer Spruch, das ist die Wahrheit. Wahrer Glaube, sagt unser Heidelberger Katechismus, ist ein herzliches Vertrauen, welches der Heilige Geist durchs Evangelium in mir wirkt, dass nicht allein anderen, sondern auch mir, ewige Gerechtigkeit und Seligkeit von Gott geschenkt ist aus reiner Gnade, allein um des Verdienstes Christi willen.

Bitte jetzt nicht nach einem Schlupfloch suchen! Der Heilige Geist ist auch der, der bewirkt, der mich dazu befreit, dieses Geschenk anzunehmen. Im Blick auf den Glauben werden Du und ich immer vor Gott mit leeren Händen dastehen. Wir werden immer Bittsteller sein und Bittstellerinnen bleiben. Wir selber, wir werden nie den Kampf gegen unseren Unglauben gewinnen. Das wird für immer ein hoffnungsloses, ein aussichtsloses Unterfangen bleiben, wenn wir es weiter auf eigene Faust versuchen sollten.

Segen liegt nur darauf, dass wir uns daran genügen lassen, Gottes Bittsteller zu sein, ihn um Hilfe anzuflehen: Ich glaube, hilf meinem Unglauben. Darin liegt Hoffnung, dass Gott unser flehentliches Bitten nicht unbeantwortet lässt. Dass er das fertigbringt, dass wir unser Vertrauen weiter, ganz von Neuem, vielleicht das allererste Mal, auf ihn setzen. Das ist unser Recht, darauf zu hoffen, dass er das tun wird, dass er uns seine Antwort nicht schuldig bleibt. Frei ist unser Gott, uns so zu antworten, wie er es für richtig befindet. So, wie er es um unseretwillen für gut befindet.

Es steht in Gottes Macht, unserer Seele, die so betrübt und unruhig in uns ist, zur Hilfe zu kommen, uns mitten einer schlaflosen Nacht Frieden zu geben, uns die Kraft zu geben, wieder beten zu können, und dem Gott, der unser Leben ist, Danke zu sagen.

Es steht in Gottes Macht, an uns oder durch uns etwas zu tun, was wir in unseren Augen nur als ein Wunder empfinden werden.

Es steht in Gottes Macht, dass vielleicht noch größere Wunder zu tun, dass wir „Ja“ dazu sagen, mit solch einem Pfahl im Fleisch wie dem, von dem Paulus erzählt hat, leben zu lernen. Es steht in Gottes Macht, uns erfahren zu lassen, dass er die Wahrheit sagt: das, was wir am nötigsten haben, sind nicht Erfolge, mit denen wir uns brüsten, mit denen wir andere beeindrucken können. Das, was wir wirklich brauchen ist, dass Gott uns gnädig ist, dass er sich unser erbarmt, dass wir seine Kraft erfahren, die in unserer Schwachheit mächtig ist, Gottes Kraft ist in uns mächtig, wenn uns ein Fehler, eine Peinlichkeit nach der anderen unterläuft, sie ist mächtig, wenn wir das Gefühl haben, nicht als Stückwerk zustande zu bringen.

Amen

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