Jes 52,7-10, Predigt zum 1. Weihnachtstag

Bibeltext zum 25. Dezember 2020,

Jesaja 52,7-10, 1. Weihnachtstag

7  Wie lieblich sind auf den Bergen die Füße der Freudenboten,

    die da hören lassen „Frieden“, die Gutes überbringen, die hören lassen „Hilfe“,

    die da sagen zu Zion: dein Gott hat die Königsherrschaft angetreten.

8  Die Stimme deiner Wächter, sie erheben ihre Stimme, sie jubeln gemeinsam,

     denn alle Augen werden es sehen, wenn der HERR nach Zion zurückkehrt.

9   Freut euch, jubelt gemeinsam, ihr Trümmer Jerusalems,

     denn der HERR hat sein Volk getröstet und Jerusalem ausgelöst.

10 Denn der HERR hat bloßgestreift seinen heiligen Arm vor allen Völkern,

      dass aller Welt Enden die Hilfe unseres Gottes sehen.

Wie lieblich sind auf den Bergen die Füße der Freudenboten!

Noch bevor Du deutlich verstehen kannst, was sie da laut rufen:

Du siehst es an der Anmut ihrer Bewegungen, an ihrem leichten, federnden Lauf,

bei dem ihre Füße über dem Boden zu schweben scheinen,

dass sie gute Nachricht bringen,

dass sie’s nicht abwarten können,

sie auszurichten;

voller Anspannung und Neugier,

was ihre Worte bei den Menschen

auslösen werden.

Mag sein, Ihnen, Euch geht das anders.

Ich kann das nicht wirklich begründen,

aber ich sehe die lieblichen, anmutigen

Füße der Freudenboten barfuß heranfliegen.

 

Definitiv tragen sie keine dröhnenden,

unheilverkündenden Soldatenstiefel.

Aber auch keine hochhackigen Pumps.

Das würde ja Ewigkeiten dauern,

bis sie damit die Menschen erreichen,

zu denen sie unterwegs sind.

Lieblich sind die Füße der Freudenbot*innen,

weil sich auf ihren Lippen das Wort „Frieden“ formt, weil sie Gutes zu verkünden haben,

weil sie den Menschen in Jerusalem sagen sollen, dass Hoffnung besteht,

dass Hilfe nahe ist,

dass Israels Gott König sein wird,

dass er seine Herrschaft angetreten hat.

 

Kaum sind die letzten Worte der Engel verklungen,

da gibt es für die Hirten kein Halten mehr.

Sie machen sich eilig auf den Weg.

Sie müssen das Kind jetzt endlich sehen.

Sie müssen wissen,

ob der Engel die Wahrheit gesagt hat.

Sie müssen von dem erzählen,

was er versprochen hat:

Friede auf Erden,

bei den Menschen seines Wohlgefallens!

 

Noch sind die Freudenboten mit den anmutigen, lieblichen Füßen nicht bei den Menschen in der Stadt Jerusalem angekommen.

Noch wissen sie nicht, wie ihre fröhliche Botschaft dort aufgenommen wird,

bei den Menschen, von denen so viele in ihren halb zerstörten, notdürftig zusammengeflickten Häusern sitzen.

Die Wächter an den Außenposten der Stadt,

die haben die Boten bemerkt.

Sie haben gesehen, wie sie näher und näher kommen, bis sie sie schließlich hören können:

Tochter Zion, freue dich!

Jauchze laut, Jerusalem! Sieh: Dein König!

Er kommt. Zu Dir.

Ja, er kommt, der Friedefürst!

Was ist da passiert mit den Wächtern, deren Augen und Ohren so darauf trainiert sind, ihre Umgebung nach den kleinsten Anzeichen einer feindlichen Gefahr abzuscannen?

Etwas hat sich bei ihnen durch die Worte der lieblichen Freudenboten gelöst.

Etwas ist in ihnen in Bewegung geraten,

ist von ihnen abgefallen,

etwas von dem, was sich so lange in ihnen angestaut, sie in ihrer Erstarrung festgehalten hat.

Die Freude der Boten hat sie angesteckt.

Und jetzt kann man ihre Stimmen hören.

Laut. Deutlich. Klar. Unüberhörbar.

Sie jubeln! Sie selber singen.

Sie tun es laut. Sie tun es gemeinsam.

Sie tun, was so viele unter uns seit Monaten schmerzlich vermissen.

Sie erheben gemeinsam ihre Stimme:

um Gott zu loben, um ihm Danke zu sagen:

Danke , vielen Dank! So gut, zu wissen, dass wir uns nicht vergeblich nach Deiner Nähe verzehrt haben.

 

Hast Du, haben Sie, habt Ihr gestern an Heiligabend gesungen? Wenigstens mitgesungen? Beim „O, du fröhliche“ am Schluss des Online-Gottesdienstes?

Wie lautet Ihre, Eure Antwort?

Klar doch, natürlich! Und nicht  nur „O du fröhliche.“ Oder lautet sie eher: „Aber nein, wo denken Sie hin? Wir paar ganz wenige? Ich ganz alleine? Mit meinen schiefen Tönen? Ohne all die anderen, mit denen wir sonst in der Kirche gesungen haben?“ Sagst Du: „Ich, wir, wir würden gerne. Es würde möglicherweise gut tun. Aber im Moment, ich glaube, da geht das einfach nicht“?

 

Sind es die Boten selbst mit ihren anmutigen, beschwingten Füßen? Oder sind es die Wächter, deren Herzen sie angerührt haben, die Gottes gute, neue Mär zu den Menschen ins Innere der Stadt tragen und sich ein Herz fassen, sie so anzureden:

Freut euch, jubelt gemeinsam, ihr Trümmer Jerusalems, denn der HERR hat sein Volk getröstet und Jerusalem ausgelöst.

Woher der Mut, sich ein Herz zu fassen und heute so etwas zu den Menschen zu sagen:

Zu den Patienten und Schwestern, Pflegern und Ärzten auf den Intensivstationen;

zu den Menschen, die es in den städtischen Obdachlosenunterkünften nicht aushalten und lieber trotz der Kälte in ihren Schlafsäcken draußen zu schlafen, an einem Ort, der wenigstens halbwegs Schutz verspricht;

zu denen, die unverschämt viel Geld an die Schlepper zahlen mussten, um jetzt im vollgedrängten Boot auf dem Mittelmeer gemeinsam mit den anderen geflüchteten Menschen zu bangen, ob sie jemals ein sicheres Ufer im Bollwerk Europa erreichen werden;

zu den Trauernden und den Sterbenden unter uns;

zu denen, die ihre Verlustausfälle nicht mehr kompensieren und Insolvenz anmelden mussten;

zu denen, die, Corona sei Dank, erneut ihr Stelle verloren haben?

Woher nimmt jemand den Mut, sich ein Herz zu fassen und Vergleichbares zu unserem eigenen Herzen zu sagen, wenn es schon wieder so verzagt, so angefasst ist?

Jubelt! Laut! Gemeinsam!

Über den Gott, der sein Volk tröstet,

über Israels Gott,

der schon immer unser aller Gott sein will.

 

Verzeiht, dass ich solche Fragen stelle,

bei denn Ihr schon ahnt, schon wissen könnt,

was ich antworten werde.

Wer von uns, wer auch immer, soll sich ein Herz dazu fassen, wenn Gott ihm, wenn Gott ihr nicht den Mut dazu schenkt,

ich, sie, nicht ein rechtes Wort finden lässt,

nicht unsere Füße, unser Hände in Bewegung setzt, unser Herz, unseren Verstand?

All unser Tun, all unser Reden,

all unser Singen, all unsere Beteuerungen und guten Wünsche, all unser Hoffen

bleibt leer, ein Haschen nach Wind,

wenn Gott es nicht beglaubigt,

wenn er unserem Zeugnis nicht Recht gibt,

wenn er sein Versprechen nicht einlöst,

wenn er heute nicht tatsächlich kommt.

 

Dieses Versprechen haben die Menschen seines jüdischen Volkes.

Niemand wird es ihnen aus der Hand reißen. Auch wir Christen und Christinnen nicht.

Gott hat seinem Volk versprochen:

Ich tröste Euch.

Ich werde nicht von Euch lassen.

Immer aufs Neue werde ich zu Euch zurückkehren,

dorthin, wo ich zu Hause bin,

zu denen, für die mein Herz schlägt

egalob gerade die Bildern von den mit ihren Schutzmasken tanzenden Schwestern und Ärzten um die Welt gehen, die im Krankenhaus in Tel Aviv über das Eintreffen der ersten Impfstoffe jubeln oder ob die Welt schadenfroh die Nase darüber rümpft, dass die korrupte Netanjahu-Regierung schon wieder mit ihrer Koalition gescheitert ist.

Wir haben Gottes Versprechen, dass wir um Abrahams willen auf immer seine mitgesegneten, erbberechtigten Kinder sind.

Wir haben sein Versprechen, dass die Engel den Hirten in Bethlehem anvertraut haben: nicht irgendwelchen unschuldigen Fabelwesen verheißt Gott seinen Frieden,

sondern uns  seiner zerrissenen, zerstrittenen Menschheit,

die noch immer Milliarden für Waffen verschleudert, weil sich damit so gut Geld verdienen lässt.

uns verheißt er seinen Frieden,

weil wir die Seinen sind,

weil er nicht von uns lassen kann,

weil er einen Narren an uns gefressen hat,

weil wir ihm, trotz allem, was wir tun und treiben, unbegreiflicherweise noch immer von Herzen wohl gefallen.

Dieses Versprechen kann uns niemand rauben. Auch wir selber nicht.

Jesus, „Gott hilft“, der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs hilft, so lautet der Name des neugeborenen Kindes, das in Windeln gewickelt in einer Krippe liegt.

Nicht ohnmächtig, nicht hilflos, mit aufgekrempeltem Arm, voller Tatendrang tritt uns Gott in diesem jüdischen Menschenkind entgegen.

Er ist entschlossen, sein Rettungswerk mit ihm anzugehen. Er fürchtet sich nicht vor dem Widerstand, der seinem Kind entgegenschlagen wird.

Wenn ich an Jesus denke, an das, was ihn ausmacht, dann muss ich so oft an den Text aus dem Propheten Jesaja denken, den er in der Synagoge seiner Heimatstadt Nazareth vorgelesen.

Es sind Worte über das, was Gottes Knecht tun wird.

Und diese Worte hat Jesus ausdrücklich auf sich selbst bezogen.

Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen. In Treue trägt er das Recht hinaus.

Er selbst wird nicht verlöschen und nicht zerbrechen, bis er auf Erden das Recht aufrichte; und die Inseln warten auf seine Weisung.

Jesus weiß, dass er gesandt ist,

um genau das zu tun.

Lohnt sich nicht! Hat keinen Zweck! Ist sowieso hinüber! Verschwende deine Zeit nicht damit! Rechnet sich nicht, kommt nichts dabei heraus !Ist total vergebliche Liebesmühe.

Da wird nichts mehr draus, nie und nimmer.

Wie viel Kraft, wie viel Beharrungsvermögen, wie viel Hartnäckigkeit, wie viel Liebe braucht es, um solchen Einschätzungen nicht auf den Leim zu gehen, sondern sich solch tiefsitzenden Überzeugungen mit ihrem ökonomischen Verführungspotential wieder und wieder offensiv in den Weg zu stellen.

Genau das wird Jesus tun.

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