{"id":813,"date":"2017-06-06T13:08:12","date_gmt":"2017-06-06T12:08:12","guid":{"rendered":"http:\/\/refgemvlotho.de\/?p=813"},"modified":"2017-06-07T14:56:47","modified_gmt":"2017-06-07T13:56:47","slug":"wichtiger-als-unsere-angst","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/refgemvlotho.de\/?p=813","title":{"rendered":"Wichtiger als unsere Angst"},"content":{"rendered":"<h3><span style=\"color: #003366;\"><strong>2017, 06, 05, Predigt auf dem M\u00fchlenfest in Exter, 1. Mose 11,1-9<\/strong><\/span><\/h3>\n<h3>Liebe Menschen hier auf dem M\u00fchlenfest, liebe Gemeinde!<\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-family: Arial,sans-serif;\"><span style=\"font-size: small;\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-medium wp-image-814 alignleft\" src=\"http:\/\/refgemvlotho.de\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/2004-01-01-01.09.37-300x225.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"225\" \/><strong>Ein bunt zusammengew\u00fcrfelter Haufen sind wir heute. Sicher nicht ann\u00e4hernd so bunt zusammen gew\u00fcrfelt, wie die Menschen, die Pfingsten in Jerusalem mit dabei waren.<\/strong> <\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-family: Arial,sans-serif;\"><span style=\"font-size: small;\">Die Namen aus all den L\u00e4ndern, aus denen sie zum j\u00fcdischen Wochenfest nach Jerusalem gekommen waren, die haben wir in der Lesung erneut geh\u00f6rt. Auch altersm\u00e4\u00dfig dominiert eher meine Altersklasse aufw\u00e4rts nach oben, aber immerhin. Es ist anders, als wenn ich bei uns in der Reformierten Kirche oder auf dem Bonneberg zum Gottesdienst gehe, da wei\u00df ich ungef\u00e4hr, welche Menschen mich erwarten.<\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-family: Arial,sans-serif;\"><span style=\"font-size: small;\">Wenn ich hier zum M\u00fchlenfest komme, ist das anders.<\/span><\/span><!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-family: Arial,sans-serif;\"><span style=\"font-size: small;\"> Nat\u00fcrlich hoffe ich auch hier, bekannte Gesichter zu treffen. Aber, da mag es mir, der ich erst seit 23 Jahren ein Vlothoer bin, anders gehen als Ihnen, die Mehrheit hier kann ich zumindest nicht <u>namentlich<\/u> ansprechen. Wenn ich mich in der Schlange an einem der Essens- und Getr\u00e4nkest\u00e4nde anstelle, dann ist es nicht unm\u00f6glich, aber doch eher zuf\u00e4llig, auf keinen Fall aber sicher, dass ich mit meiner Vorderfrau oder meinem Hintermann ins Gespr\u00e4ch kommen werde. Und wenn doch, steht die Frage im Raum: Wor\u00fcber werden wir reden? Finden wir ein Thema, das uns gemeinsam interessiert, bei dem wir Lust haben, uns eine Weile auszutauschen, oder kommen wir \u00fcber einige S\u00e4tze Small-Talk nicht hinaus.<\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-family: Arial,sans-serif;\"><span style=\"font-size: small;\">Bei den Menschen, von denen unser Bibeltext erz\u00e4hlt, ist das anders. Das sind Menschen, die zusammen aufgebrochen, sind zusammen geblieben und haben sich jetzt an ein- und demselben Ort festgesetzt. Das sind Menschen, die zusammen leben und zusammen arbeiten: Arbeitskollegen und Arbeitskolleginnen, Arbeitsgenossen und Arbeitsgenossinnen, wie man fr\u00fcher nicht nur in der DDR gesagt hat. Das sind Menschen, die die gleiche Mundart sprechen, die sich noch auf platt miteinander unterhalten k\u00f6nnen, die die gleichen Worte verwenden und sich dabei sicher f\u00fchlen, dass die andre bei demselben Wort an dasselbe denkt, wie sie das tun.<\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-family: Arial,sans-serif;\"><span style=\"font-size: small;\">Der Filmemacher Jean Renoir, der Sohn des Malers Auguste Renoir hat gesagt: Das ist das Gute, wenn Menschen zusammenkommen, die die gleiche Arbeit haben. Egal, ob die aus Honolulu, aus Hiroshima, aus Korogwe, aus Falun oder aus Uffeln kommen, wenn das alles Maurer sind oder Rechtsanw\u00e4ltinnen, dann werden die es viel leichter haben, ein Thema zu finden, was sie gemeinsam interessiert. Und vielleicht werden sie Lust haben, gerade \u00fcber das zu sprechen, was bei ihnen zu Hause trotz der Gemeinsamkeiten unterschiedlich ist, vielleicht werden gerade sie Lust haben, etwas voneinander zu lernen.<\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-family: Arial,sans-serif;\"><span style=\"font-size: small;\">Die Menschen, die sich dort gemeinsam im Tal Schinear an ein und demselben Ort festgesetzt haben, die Menschen, die Ort und Arbeit miteinander teilen, die gut miteinander auskommen und sich blind zu verstehen scheinen, die haben eine gro\u00dfe Sorge. Sie haben Angst, sie k\u00f6nnten \u00fcber das Antlitz der Erde verstreut werden. Komische Angst ist das. Finden Sie nicht, findet Ihr nicht? Steht da etwa eine fremde Armee vor der T\u00fcr, die sich anschickt, Ihnen Ihren Wohnort streitig zu machen? Gibt es in ihrer fruchtbaren Talebene nicht genug zu essen und zu trinken, dass sie Angst haben, sie m\u00fcssten deswegen von dort weg? Mitnichten. Und trotzdem ist sie da,die Angst, auch wenn sie sich wahrscheinlich selber nicht erkl\u00e4ren k\u00f6nnen, woher die kommt. Das ist ja mit unserer eigenen Angst nicht anders. F\u00fcr andere ist das ein Klacks: vor vielen Menschen zu sprechen, f\u00fcr eine Gesellschaft von 50 Menschen zu kochen; einem anderen Menschen, der ihn\/sie verletzt hat, von Angesicht zu Angesicht zu sagen, wie weh das getan hat; einen wildfremden Menschen anzusprechen, um ihn nach dem Weg zu fragen und das auch noch auf englisch; nachts alleine in den dunklen Keller gehen. Aber f\u00fcr Dich ist das alles andere als ein Klacks, f\u00fcr Dich bleibt es eine Horrorvorstellung. <\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-family: Arial,sans-serif;\"><span style=\"font-size: small;\">Die Menschen im Tal Schinear, in ihrer Angst \u00fcber das Antlitz der Erde verstreut zu werden, die sagen, eine Kollegin zu ihrem Kollegen: Lasst uns eine Stadt bauen und einen Turm, der bis an den Himmel reicht, damit wir uns einen Namen machen.<\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-family: Arial,sans-serif;\"><span style=\"font-size: small;\">Stadt, das bedeutet wahrscheinlich auch Stadtmauern und Torw\u00e4chter, die kontrollieren, wer k\u00fcnftig hinein darf und wer nicht. Das mit dem Turnbau hat sich bis heute gehalten. Nicht nat\u00fcrlich bei uns in Vlotho mit unserem bescheidenen 9 oder10-st\u00f6ckigen Rathaus. Aber der Wettbewerb, welches Land, welche Stadt hat den h\u00f6chsten Wolkenkratzer, der h\u00e4lt an. Ist das schlimm, besorgniserregend, gef\u00e4hrlich? Wer mal in Paris auf der h\u00f6chsten Plattform des Eiffelturms gestanden hat, der wei\u00df, was f\u00fcr eine grandiose, tolle Aussicht das ist. Bedrohlich f\u00fcr unseren <u>Gott<\/u> ist das sicher nicht. Diese iese Portion Humor l\u00e4sst sich der biblische Erz\u00e4hler nicht nehmen: Unser Gott, der muss erst mal herunterfahren, damit er diesen gewaltigen Turm, den seine Menschlein da gebaut haben, \u00fcberhaupt zu Gesicht bekommt. Was ist trotzdem so besorgniserregend, aus Gottes Sicht so gef\u00e4hrlich an diesem Turmbauen seiner Menschen?<\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-family: Arial,sans-serif;\"><span style=\"font-size: small;\">Vielleicht, dass, wenn Du Deinen Ort von so weit oben siehst, wenn das zu Deiner Normalperspektive geworden ist, die Menschen f\u00fcr Dich von dort oben nicht nur wie Ameisen <u>aussehen<\/u>, sondern Du in der gro\u00dfen Gefahr stehst, dass Du anf\u00e4ngst, sie auch wie Ameisen zu behandeln, dass es <u>normal<\/u> ist, dass das halt <u>passiert<\/u>, dass Du, w\u00e4hrend Du einen Fu\u00df vor den anderen setzt, schon mal einige von Ihnen zertrittst, unter Deinen F\u00fc\u00dfen zermalmst. <\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-family: Arial,sans-serif;\"><span style=\"font-size: small;\">Oder, etwas anders, mit den Worten von Rabbi Elieser gesagt: Wenn beim Turmbau ein Mensch herunterfiel und dabei umkam, haben sie nicht auf ihn geachtet. Fiel jedoch ein Ziegelstein, so setzten sie sich und weinten: Weh uns! Wann wird ein anderer an seine Stelle hinaufkommen? Das Mittel, die Steine, werden zum Zweck, zum einzigen Zweck, der mehr z\u00e4hlt als ein Menschenleben.<\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-family: Arial,sans-serif;\"><span style=\"font-size: small;\">Gro\u00dfe Sorge, gro\u00dfe tiefsitzende Angst: Lasst uns uns einen Namen machen, dass wir nicht \u00fcbers Antlitz der Erde zerstreut werden. Exportweltmeister, Fu\u00dfballweltmeister,Organisationsweltmeister, Weltmeister in Sachen Erinnerungskultur sein. Wer sind wir, was wird aus uns, wenn wir uns keinen Namen machen?<\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-family: Arial,sans-serif;\"><span style=\"font-size: small;\">Ist das nicht etwas Sch\u00f6nes, etwas Gutes, wenn es \u00fcber einen Betrieb, \u00fcber einen Handwerker hei\u00dft: der hat sich einen guten Namen gemacht. Freue ich mich nicht dar\u00fcber, wenn Leute zu mir sagen: Nein, Pastor Reuter, da m\u00fcssen Sie sich keine Sorgen machen. Sie haben auf dem Bonneberg einen guten Namen. Doch das tue ich, ganz bestimmt, tue ich das.<\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-family: Arial,sans-serif;\"><span style=\"font-size: small;\">Aber was ist, wenn dann, zwar nicht Dein pers\u00f6nlicher Name, aber doch der Name Deiner Gemeinde wegen Eures Streits auf der Titelseite der Vlothoer Zeitung und kurz danach in der Bild-Zeitung steht. Wie steht es dann um meinen Namen?<\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-family: Arial,sans-serif;\"><span style=\"font-size: small;\">F\u00fcrchte Dich nicht, ich habe Dich erl\u00f6st, ich habe Dich bei Deinem Namen gerufen: Mein bist Du! Sagt Gott zu den Menschen seines j\u00fcdischen Volkes, die seit Jahrzehnten in Babylon im Exil leben und die sich diese Suppe, die sie jetzt ausl\u00f6ffeln m\u00fcssen, wahrlich selbst eingebrockt haben. F\u00fcrchte Dich nicht, ich habe Dich freigekauft, ich habe Dich bei Deinem Namen gerufen, mein bist Du, sagt Gott zu Dir und zu mir, jedes Mal, wenn uns die Angst packt, was denn aus unserem Namen werden soll: aus unserem pers\u00f6nlichen Namen, aus dem Namen unserer Gemeinde, aus dem Namen unserer Stadt.<\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-family: Arial,sans-serif;\"><span style=\"font-size: small;\">Gott wei\u00df nur zu gut, wozu wir f\u00e4hig sind. Ihm steht so viel klarer vor Augen, was wir in der Angst um unseren Namen alles anrichten k\u00f6nnen und tats\u00e4chlich auch anrichten, .Deshalb geht er so hart vor, deshalb beschlie\u00dft er, von vornherein den Anf\u00e4ngen zu wehren: deshalb vermengt er die Sprache seiner Menschen so dass das Schlimme passiert, dass ein Genosse seine Genossin nicht mehr versteht, eine Kollegin nicht mehr ihren Kollegen. Deshalb sind sie nicht mehr in der Lage, ihre Stadt und ihren Turm weiterzubauen. Deshalb trifft genau das ein, wovor sie sich so gef\u00fcrchtet haben: dass sie \u00fcber das Antlitz der Erde verstreut werden. <\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-family: Arial,sans-serif;\"><span style=\"font-size: small;\">Auch uns in unserem kleinen Vlotho hat uns diese Wirklichkeit l\u00e4ngst eingeholt. Auch in Vlotho wird schon seit Ewigkeiten nicht mehr nur ostwestf\u00e4lisches Platt gesprochen. Und das liegt wahrlich nicht nur an den 400 gefl\u00fcchteten Menschen, die in unserer Stadt Gott sei Dank einen Ort gefunden haben, an dem sie sich vorerst mal sicher. Wir leben auch in Vlotho in einem globalen Dorf, an einem Ort, an dem so viel mehr als eine Sprache gesprochen wird<\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-family: Arial,sans-serif;\"><span style=\"font-size: small;\">Vielleicht, dass wie so oft im Leben, so auch im Blick auf die Grenzen, die uns unsere verschiedenen Sprachen ziehen, Segen und Fluch ganz eng beieinander liegen. Grenzen lassen sich nicht folgenlos ignorieren, aber Grenzen k\u00f6nnen \u00fcberschritten werden. Sie machen uns darauf aufmerksam, dass das nicht von selbst geht, dass man das wollen muss, dass Gott uns den Mut schenken muss, uns auf dieses Wagnis einzulassen.<\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-family: Arial,sans-serif;\"><span style=\"font-size: small;\">In jedem Fluch steckt auch ein Segen. Wenn es darum geht, das ein Mann seine Frau, eine Schwester ihren Bruder, ein Kollegin seine Kollegin, ein hier Geborener eine zu verstehen versucht, die neu an diesem Ort ist, dann ist es ein Segen, wenn wir uns unserer Sache nicht zu sicher sind, wenn wir ein klares Bewusstsein dar\u00fcber haben, wie viel leichter es ist, sich misszuverstehen, aneinander vorbeizureden, als einander zu verstehen. <\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-family: Arial,sans-serif;\"><span style=\"font-size: small;\">Dann ist es gut, wenn wir uns im Klaren sind, etwas wie Kostbares es ist, dass die M\u00fche sich in jedem Fall lohnt, es zu lernen, mit den Augen, mit dem Herzen der anderen zu sehen, und vielleicht auch mit den Worten seiner Sprache zu sprechen.<\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-family: Arial,sans-serif;\"><span style=\"font-size: small;\">Gottes Heiliger Geist, der uns heute am Pfingstfest aufs Neue zugesprochen wird, der macht das Ganze nicht r\u00fcckg\u00e4ngig. Er hebt unser Sprachgemisch nicht auf. Er erspart uns nicht die M\u00fche, die es kostet, uns einander in dem, was wir den anderen gerne sagen m\u00f6chten, verst\u00e4ndlich zu machen. Aber er vollbringt das Wunder, dass jeder die Apostel in seiner eigenen Sprache von Gottes gro\u00dfen Taten reden h\u00f6rt. Nichts weniger als dieses Wunder brauchen wir. Nichts haben wir n\u00f6tiger als diesen Geist. Und deshalb lasst uns flehentlich darum bitten: Komm, heiliger Geist, erf\u00fclle unsre Herzen! Tritt ein in unsere Mitte!<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial,sans-serif;\"><span style=\"font-size: small;\">Amen<\/span><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>2017, 06, 05, Predigt auf dem M\u00fchlenfest in Exter, 1. Mose 11,1-9 Liebe Menschen hier auf dem M\u00fchlenfest, liebe Gemeinde! Ein bunt zusammengew\u00fcrfelter Haufen sind wir heute. 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